20.01.2018

Hinweise zum Sprachlektorat

 

Für das Sprachlektorat braucht jeder Lektor viel Erfahrung. Er muss sich in der Literatur auskennen, sich kritisch mit Klischees auseinandersetzen können. Das Lesen eines Buches soll so sein, als sähe der Leser einen Film. Da sind auch die Platzierungen von Eigenschaften wenig hilfreich, wenn es heißt, dass Personen verwundert guckten, reizend oder bezaubernd seien. Was bedeutet das im Roman? Die Autorin oder der Autor hat den Raum, um solche Eigenarten zu beschreiben. Wie schaut ein Mensch, wenn er sich in einem bestimmten Gefühlszustand befindet? Was hebt Menschen optisch oder sozial hervor?

Leser verlangen, dass sich die Urheber Mühe geben. Nur dadurch werden Autorinnen und Autoren gut. Nicht allein die Handlung zählt. Es ist außerdem wichtig, Unikate zu schaffen. Bilder, die wir aus Spielfilmen und anderen Büchern kennen, wollen wir nicht noch einmal lesen.

Die persönlichen Interessen des Lektors brauchen eine große Bandbreite, die er einbringen kann. Die lange Berufserfahrung macht es ihm leichter, Klischees und Bequemlichkeiten auszumachen. Letztlich ist das nie ein Angriff auf die fleißigen und kreativen Autorinnen und Autoren. Was dem Manuskript dient, dient denen, die sie geschrieben haben. Deshalb ist es wichtig, dem Lektor zu vertrauen.

In Kinderbüchern lässt sich sehr oft erkennen, welche Prägung die Autorinnen und Autoren mitbringen. Ihnen sind die Brüder Grimm unvergessen, und so manches Abenteuer in den Büchern der großen Erzählen finden sich in anderen Zusammenhängen, doch leider als unbeabsichtigte Entlehnung.

Zur Bequemlichkeit gehören die Einleitungen mit Naturbeschreibungen, wenn die Sonne untergeht, das blonde Haar leuchtet und nicht nur das Lüftchen in Ohr haucht.

Der Autor unterbricht seine Arbeit und denkt über die Handlung nach. Um seine Ideen aufzugreifen, ist er im Manuskript manchmal geneigt, zu wiederholen, was er Tage vorher geschrieben hat. Das gehört zu seinem Denkprozess. Hingegen liest der Leser durchgehend – und nach wenigen Minuten wird ihm etwas präsentiert, was er schon weiß. Es ist wie im Leben. Wem gefällt schon, wenn immer wieder alte Geschichten als bahnbrechend neue präsentiert werden?

Da gibt es die Lösung, diese Wiederholungen zu streichen, selbst dann, wenn sie im Manuskript wesentlich später erneut formuliert werden. Es muss angeknüpft werden, oder die Autorin bzw. der Autor sollten Varianten bilden, das Thema aufgreifen, ihm einen neuen Blickwinkel geben, es bereichern. Dann funktioniert die Wiederholung vielleicht. Im Sprachlektorat muss das aus dem Zusammenhang heraus geprüft werden.

Die lange Arbeit an einem Manuskript kann „betriebsblind“ machen. Es ist gut, wenn der Lektor Probleme aus dem Arbeitsprozess erkennt und bearbeitet. Es ist möglich, über sie zu diskutieren, doch wird es besser sein, Streichungen vorzunehmen oder ohne stilistische Veränderungen die Art der Betrachtung zu ändern.

Auch darin sehe ich meine Aufgabe als Lektor, der mit dem Einverständnis der Urheber dezent kurze Neuformulierungen vornimmt, aber entschlossen ist, keinen Leser zu langweilen, also notwendige Streichungen vorzunehmen, um das Manuskript zu optimieren. Bei den Neuformulierungen muss penibel darauf geachtet werden, dass es keine Stilbrüche gibt, der Leser nichts vom Eingriff bemerkt.

Kein Manuskript verliert dadurch an Substanz. Ganz im Gegenteil. Zwar wird das Manuskript kürzer, doch wird es besser. Das ist das notwendige Zugeständnis, das Autorinnen und Autoren in ihrem Interesse und mit großer Logik machen müssen. Erneut: Die Substanz wird nie berührt.

Darauf achtet der professionelle Lektor höchst sorgsam.

Print Friendly, PDF & Email