19.03.2019

Wie finde ich einen Verlag für meine Biografie?

 

Die eigene Geschichte auf dem Blatt Papier hat, wenn man mit der Hand schreibt, die wichtige Aufgabe, auf Distanz zu gehen, sich also von Katastrophen und kleineren Beschwernissen zu befreien.

Biografie schreibenEs gibt viele Themen, die für den Buchmarkt geeignet sind: wenn sie anderen Menschen helfen. Die Chronologie des eigenen Lebens ist indessen kein Alleinstellungsmerkmal. Die eigene Erfahrung ist dieses Alleinstellungsmerkmal für den Autor bzw. die Autorin oft aus psychologischen Gründen durchaus, für ihn oder sie allein, für die Freunde und Bekannten, für die Familie. Man muss das verstehen.

Jeder Autor bzw. jede Autorin einer Biografie sollte sich fragen, ob es einen Markt für die eigene Lebensgeschichte gibt. Wird diese Frage nicht gestellt, passiert, was enttäuschend sein muss: Verlage lehnen die Manuskripte ab.

Prominenz schafft durchaus Interesse. Biografien von Darstellern laufen fast immer. Das sieht man, trotz der Kritik daran, an der Biografie des ehemaligen Tennisspielers Boris Becker, der seine Zeit gehabt hat, der in der Mitte seines Lebens Details aus dem Privatleben beschreibt. Die Republik ist gespalten: Was soll das? Wen interessiert das? Ach, so geht es bei dem zu.

Boris Beckers Image ist indifferent. Doch ist er bekannt und war ein junger Held zu seiner Zeit. Sicher würde auch ein Darsteller wie Oliver Pocher mit seiner Biografie einige Tausende von Buchexemplaren verkaufen können. Die Prominenz, groß oder klein, wird erneuert oder verändert: ein Buch von Oliver Pocher! Der ist ganz anders als gedacht … Effekte. Mehr nicht. Und: Geschrieben werden solche Werke oft von Ghostwritern, die den Markt kennen, die wie Journalisten neue Facetten entdecken, entwickeln und niederschreiben. Prominenz hilft, um Verlage zu finden.

Ghostwriter schreiben gern, gut und mit Ausdauer. Lektoren bringen den Feinschliff. Sie sind Dienstleister. Am Ende haben nichtprominente Autorinnen und Autoren gute Manuskripte erhalten, bewegen sich wie Schiffe auf hoher See einsam auf der Suche nach Verlagen, die durchaus anerkennen, dass Themen professionell bearbeitet wurden. Doch sehen die Verlage, die für die Veröffentlichung keine Zahlung verlangen, keine Möglichkeit, das Manuskript, das zum Buch wird, wirtschaftlich vernünftig zu vertreiben.

Es geht also darum, wie Themen gestaltet werden, damit sie nicht den Stempel „private Biografie“ tragen. Eigene Erkenntnisse können Teil eines Ratgebers sein. Familiengeschichten müssen zur Prosa werden. Es gibt viele Möglichkeiten, Themen zu gestalten.

Ausnahmen gibt es, dass Menschen, die zwar nicht über die Prominenz verfügen, aber ihre Werke einer breiten Leserschaft schenken dürfen. Denken wir an Anna Wimschneider („Herbstmilch“) oder an Frank McCourt („Die Asche meiner Mutter“).

Zunehmend mehr Unternehmen bieten die Veröffentlichung an, wenn sehr viel Geld für Druck, etwas Werbung und Vertrieb gezahlt wird. Auffindbar zu sein zum Beispiel im Internet, jedoch ohne Leser, ist bestimmt nicht das, was sich Autorinnen und Autoren wünschen. Immerhin haben solche Verlage mit ihrer Werbung auf das Werk hingewiesen. Das ist Teil des Angebots.

Es gibt freilich Ausnahmen. Wie bin ich mit meiner Krankheit umgegangen? Solche Themen helfen anderen Menschen, wenn der Schwerpunkt konzentriert und wiederkehrend auf diese Frage gelegt wird. Die Zusammenhänge, also das Leben vorher, sind wichtig. Hier geht es um die Dramaturgie, wie eine Biografie geschrieben wird.  Krankheit, Vorgeschichte, Einbettung, Ausblick, Bilanz … Der Lektor hilft. Ich selbst kann mir sehr gut vorstellen, dass die Tagebuchform während einer Krebserkrankung ergreifend stark ist, von vielen anderen Menschen gelesen wird.

Am Anfang des Projekts sollte die Beratung stehen. Warum muss ich schreiben? Diese Frage kann die Autorin bzw. der Autor zumeist selbst beantworten. Wer schreibt, kehrt sich in sich, erlebt und bewertet, wie er oder sie Wertvolles umgesetzt haben, ob also Leser miterleben können. Letztlich stellt sich die Frage: Warum wähle ich diese Form, warum schreibe ich?

Doch muss der Lektor als erster kundiger Leser beraten: Ist das Thema auf die interessierte Leserschaft ausgerichtet worden? Wird das Manuskript von einem Verlag angenommen werden?

In meiner Praxis habe ich Menschen kennengelernt, die seltene Themen bearbeitet haben. Sie sind gescheitert, weil die Form wenig einnehmend war. Die Manuskriptberatung ist die Lösung.

Aus ihr erwächst die Einsicht, das Werk gründlich zu überarbeiten, also aus Textteilen Rück- und Ausblicke zu gestalten, dazu Übergänge zu schreiben, stärker Emotionen zuzulassen (Karen Blixen: „Ich hatte eine Farm in Afrika.“) und sentimental zum Stoff zu führen. Literatur zu schaffen: Das ist mehr, als in der Biografie mit dem Geburtsdatum zu beginnen, chronologisch vom Kind zum Erwachsenen zu werden, wenn die Zeit und also die Lebensumstände im Text farblos bleiben. Würden Sie selbst solche Bücher kaufen wollen?

Ich plädiere im Zweifelsfall für die Aussprache mit einem Lektor, Manuskriptberater oder einem anderen Autor. Ist die Einsicht gereift, dürfte in aller Regel die Überarbeitung privater Biografien nötig sein. Diese Erfahrung habe ich in mehr als drei Jahrzehnten gemacht.

Wir denken beim Schreiben und Bearbeiten daran, dass das Manuskript genug Potenzial bekommt, um veröffentlicht zu werden. Das ist das gemeinsame Ziel.