20.05.2019

Kurzgeschichte. Das Leben ist eine Operation. Chirurgie

 

SchereTatsächlich! – Unvermittelt sagt die auszubildende, also künftige OP-Schwester nach einer langen Pause und ohne jeden Rückbezug, als der Fuß geöffnet wird: „Meine Großmutter kam aus Weißrussland, da gab es noch viele Hausschlachtungen. Was habe ich nicht alles an Blut und an Schweineleichen gesehen!“ Schweineleichen als Thema während einer Operation? Da horcht man auf!

Der emsige Chirurg hingegen scheint nicht besonders kommunikativ zu sein. Sehr gut!

Schweineleichen

So legt die Dame, etwa jünger als 20, ungebremst eins drauf, um die nötige Aufmerksamkeit zu erhalten, um Mittelpunkt zu sein: „Deshalb habe ich mich bei den Bestattern beworben. Die sagten, ich sei zu jung! Pah, zu jung!“ Hier versteht man das noch. Denkt sie. Der Patient findet das komisch, noch nicht im Sinne von eigenartig oder seltsam. Das kommt später.

Das Haar

Sie denkt womöglich: Hier werde sie Eindruck machen, zumal der Patient seinen Oberkörper aufgerichtet hat und dem Operateur zusieht. Sie macht ein paar Meter weiter keine einzige Pause, spricht sogar vom Waschen und Ankleiden menschlicher Leichen und davon, dass sie besonders gern deren Haare kämmt. Gerade das vom Ausbluten der Schweine als weiteres Thema kann nicht zwischen grünen Kitteln, OP-Leuchten, blitzsauberen Kacheln und sonst tiefer Stille ignoriert werden. Das Bein bleibt ruhig ausgestreckt. Man sieht zu, wie fein geschnitten wird. Der Arzt schweigt weiterhin und arbeitet. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Eins ist frei

Sind das Thema, der Ort falsch? Beides passt so gut wie das „Goldene Blatt“ ins Wartezimmer eines Arztes. Das passiert hoffentlich nur einmal. Der Patient hat allerdings zwei Beine.

Davoneilen

Mit Wucht hat ihn ein ungutes Gefühl ergriffen. Jeder Feinsinnige würde sich flugs vom Tisch winden, wenn das ginge. 10 Minuten später ist der Chirurg fertig und reichlich Vereisungsmittel versprüht worden. Also: „Da kann man doch wirklich nichts sagen!“, meint der Patient. Das wird ein kläglicher Versuch sein, der baldigen OP-Schwester angemessen zu vermitteln, sie habe es gut und könne solche Themen getrost meiden. Andere Patienten hätten sich zutiefst erschrocken.

Wärmebehandlung

Viel Wärme liegt in der Stimme, um eine gewisse Daseinsberechtigung zwischen Schweineleichen und Bestattern zu bekommen, also den Hauch von Exklusivität als Zugehöriger anderer als dieser Kategorien, als frisch Operierter.

„Pah! Wie konnten die Bestatter nur sagen, dass ich zu jung bin!“, entgegnet die Auszubildende.

Sapienti sat es: Wie konnten sie? Wie konnte sie?