17.09.2019

Kurzgeschichte. Das Sofa der Nudel

 

Mit freundlicher Genehmigung einer Berliner Autorin zur Erbauung:

„Die lispelnde Nudel aus dem Allgäu war gerade in Portugal. Reisen kosten Geld. Deshalb fand Madame, dass die Arbeitskollegen ihr ein neues Sofa kaufen könnten. Etwas mehr als 1 500 Mark dürfte es deshalb kosten. Weiße Kissen sollte es haben. Der Rest musste aus hellbraunem Korbgeflecht bestehen. Neckermann machte mit dem hübschen Angebot mittlere Wünsche möglich.

NudeleienHebebühne

Nun muss man sagen, dass die Arbeitskollegen nicht wirklich schlicht waren. Sie pflegten ihre Eigenarten. Wer will sich darüber beklagen? Dazu gehörte die Bewunderung des Ziegenlachens der mittlerweile peinlich dicken Nudel. Sie ergriff zwar regelmäßig die Flucht, wenn Unbill drohte. Das Vergnügen an anonymen Briefen war ihr umso weniger zu nehmen.

Grundversorgung

Sie fand, niemand könnte das Ende aufhalten. Ihr Freund starb allein und einsam im Krankenhaus. Treue Mitbewohner mit ausgebliebener Mietzahlung durften binnen 72 Stunden trotz deren Not als Pleitiers sozial das Zeitliche segnen. Das Leben ist keine nur nach oben fahrende Hebebühne. Das hatte die Nudel nicht verstanden, mit ihrem Mitbewohner dennoch bei Bedarf geschlafen. Sonst war sie gut versorgt worden.

Buchhalterinnen

Auf Ursula-Erika aus der Buchhaltung konnte die Nudel zählen. Ursula-Erika entdeckte wundervolle Gefühlswelten, wenn sie bei Kaiser´s in Berlin am Nollendorfplatz stand und sich entscheiden musste: Bier oder Wein, Schnaps oder Likör? Liebesbeweise … Sie war nach innen gewachsen. Ihr Dünger war der Alkohol. Diese Pflanze streckte sich am Regal nach Licht. Fein zogen sich Äderchen über die Wangen.

Füllhorn

Die Begrüßung der Nudel werde ein Ereignis werden. Ursula-Erika sammelte Geld. Widerwille der Kollegen war asozial. Der wurde geahndet. Die Damen und Herren gaben, was sie konnten. Ursula-Erika griff zwar nicht in die Kasse der Kreuzberger Firma. Ihr eigenes Portemonnaie wurde zum Füllhorn der Nudel. Alles war prima. Für Kaiser´s reichte es für Ursula-Erika immer noch.

Niemand durfte etwas wissen

Die Nudel hatte vor der Reise nach Portugal das hübsche Sofa ausgesucht und den betrügerischen Auftrag erteilt. Eine später ohne die Nudel gänzlich glücklich Verstorbene durfte während der Nudelabwesenheit bei den zurückgebliebenen Kollegen für das schöne Sofa werbend schwadronieren. Ursula-Erika war also gut und wollte gesteuert das Gute: zwei Gläschen hier, aber ein Sitzmöbel dort für die Nudel. Es herrschte nudelverordnete Schweigepflicht vor allem gegenüber Ursula-Erika.

Abteilung: schöner Leben

Der ansonsten aufgedeckte Betrug an den bemühten Kollegen könnte heute weitere Begehrlichkeiten in Gefahr bringen: eine Einbauküche, ein neues Bett, das Abziehen der Dielen. Hübsche Amerikareisen nach New York, Boston, San Francisco und Las Vegas hatte die Nudel bereits anderswo schamlos ergattert.“