21.01.2019

Brief. Schreiben Sie Ihr Buch!

 

Skizzen auf vier Seiten Papier. Das Leben in Stichworten und die wichtigste aller Fragen: Wird mein Leben einen Fremden interessieren? Warum sollte ich das Buch schreiben? Dennoch gibt es nichts, was sie lieber täte als das. Das ist die Antwort auf die Anfrage beim Lektor. Diese Ermutigung richtet sich ebenso an andere Autoren. Daher habe ich mich entschlossen, die Ausführungen zu veröffentlichen:

Berlin, am 21. Mai 2010

„Sehr geehrte Frau ..,

nun sind ein paar Stunden mehr vergangen als gedacht.

ZeitZunächst zu Ihrem Ansinnen. Sie machen etwas sehr Vernünftiges. Sie stellen die Frage, die die meisten Autoren nicht stellen: Wer will das lesen? Mögen Sie die Art, wie ich Ihnen angesichts der Skizze antworte, nicht als roh betrachten.

Sehnsucht und Angst

Wer will das lesen? Diese Frage ist wichtig. Im Moment gibt es rund 8 Milliarden Menschen auf der Welt. Jeder von ihnen hat Geschichten. Jede Geschichte ist wertvoll.

Also: Wer kann das alles lesen?

Man sollte nicht schreiben, damit andere mich bewundern wie einen Helden. Der Leser sollte verstehen, mitfühlen oder vergleichen können.

Geschenk

Ich schreibe ein Buch, um andere zu bereichern. Diese Bereicherung erfolgt durch den Leser selbst. Mit meiner Art des Schreibens nehme ich sie über viele Seiten mit ins Detail. In einem Buch steckt mein Geist. Er trägt ein Kleid: die erzählte Geschichte.

Ich liebe Autoren, die mit Humor auf ihr Leben zurückschauen. Ich achte Autoren, die mutig sagen, dass alles hätte besser kommen können. Wenn man nicht den Drang hat, auf einer Bühne zu stehen, um mit seinem Leid und mit seiner Freude am Ende zu werben, dann ist man ein guter Autor.

Man agiert während des Schreibens aus dem Inneren. Es entstehen ehrliche Texte, die ihren Weg finden. Geschichten schreibt man einsam und mit jedem Satz hadernd. Das gilt sogar für Heiteres. Man muss die Geschichte erzählen können. Sie allein reicht nicht aus.

Die Plagerei steht vor der Anerkennung. Spaß schadet nicht beim Schreiben. Das Schicksal des allermeisten Geschriebenen ist das Nichtgelesenwerden.

Exemplarisch schreiben

Wenn ich lese, wie es anderen geht, mache ich mir und meiner engen Umgebung Mut. Ein Buch muss also die Axt sein in dem gefrorenen Meer in uns, wie Franz Kafka schrieb. Diese Axt befindet sich in jedem guten Buch.

Ich bin dagegen, etwas zu schönen. Das Schicksal eines Menschen eignet sich nicht für den Jahrmarkt. Brutalität hat Sie durchs Leben gejagt. Das Schicksal gewinnt immer. Es kann ein Freund sein oder ein Feind. Es hat viele Gesichter.

Im Verlaufe des Schreibens wird man ein Gefühl dafür entwickeln müssen, welche Elemente wo am besten wirken. Distanz ist eine gute Ratgeberin. Es wird Ihnen leichter fallen zu erkennen, dass das scheinbar wichtige Detail einem Buch eine andere Richtung geben kann.

Bescheiden

Erinnern Sie sich an “Herbstmilch” von Anna Wimschneider, die in ihrer Biografie bayerisches Leben in Armut, Not und mit Mut beschrieben hat? Sie hat eine Geschichte erzählt, die viele andere Menschen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erzählen können.

Nicht klagend, nicht heldenhaft, sondern bescheiden und nüchtern hat sie erzählt, was alles war. Da ist die Rede vom Wäscheaufhängen unter Tränen. Mancher würde sich schämen, Intimes zu erzählen. Sie hat es gemacht. Ihr Buch wurde ein Bestseller. Sie hat etwas Wichtigeres geschaffen: Frau Wimschneider ist seit 17 Jahren tot. Sie lebt immer noch in meinem Kopf, obwohl ich mit meinen 49 einer anderen Generation angehöre. Ich wäre ihr sicher nie begegnet. Sie lebt in mir weiter. Sie ist ein Teil meiner Geschichte der Menschheit, wenn ich Gesichter brauche.

Markt

Ihr Anliegen ist interessant. Glück und Frieden nach der Adoption. Mit Stabilität auf der Suche nach den Wurzeln. Man tritt auf eine Mine. Plötzlich sind ungeplante und ungeahnte Dinge ausgelöst worden, die einen umwerfen und umbringen können.

Versuchen Sie, die Geschichte so zu erzählen, dass man Ihnen vom Anfang bis zum Ende Aufmerksamkeit schenkt. Qualität findet Verlage. Die Darstellung des Alltages großbürgerlicher Familien wurden zu Welterfolgen. Eine Geschichte bleibt klein, wenn der Autor nicht den Mut hat, sie mit all seinen Möglichkeiten zu erzählen.

Entweder riskiert man nichts und stirbt vorzeitig weiter lebend. Oder man riskiert etwas und glaubt, daran sterben zu müssen.

Ich ermuntere Sie, Ihr Buch zu schreiben.

Ihr
Karl-Heinz Smuda

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