20.05.2019

Eine sonderbare Beerdigung in Berlin

 

Vor Jahr und Tag wohnte eine kleine dicke Frau hier im Haus, die ihren Mann im Internet fand – dummerweise zehn Jahre später ihn auch noch tot auf dem Teppich in einer anderen Wohnung, der neuen. Niemand sah sich in der Lage, eine Trauerrede zu halten. Ich sprang von heute auf morgen ein. Was ich nicht wusste: Der Verblichene war Mitglied des Udo Lindenberg-Fanclubs. Ich sprach also vor 30 Lindenbergs, Leuten mit schwarzen Hüten und dunklen Sonnenbrillen. Diese Leute bewegten sich so wenig, dass ich vorn am Rednerpult glaubte, dass die nicht von dieser Welt sein könnten.

Besucher

Letzte Ruhe„Coole Leute“ also allesamt aus Sachsen auf einem Berliner Friedhof. Die Udos sollten nach meinem Entertainment draußen warten, weil der Bestatter Blumen, Fotos vor dem Sarg wegräumen musste. Aus der Kapelle hörte man ein Geschrei wie aus dem Gebirge, in dem hallig ein Trauergast laut aufheulte, und er kam schwankend wie ein fernöstliches Trauerweib im malvenfarbenen Anzug förmlich heraustorkelnd. Er harrte neben mir aus.

Drama

Ich fragte: „Machen Sie das öfter?“ – „Ja, wenn es gut läuft, dreimal die Woche, seit meine Frau tot ist.“ Diesen Mann mochte ich. Die Ehefrau schmiss sich wenige Minuten später auf die Knie vor dem offenen Grab in den trocknen Sand. Die Vögel lachten, laue Lüftchen hielten sich im Sonnenlicht zurück. Dramen dieser Art kannten sie noch nicht und hatten ganz sicher auf ihren Flügen zwischen Afrika und Deutschland mehr gesehen als wir alle zusammen.

Vorwurf

„Das hast Du nun davon! Und wer denkt an mich?“ Die schlagende Witw hörte nicht auf damit. Wie tot muss man sein, damit man sich das nicht auch noch anhören muss? Unser Gast tat es ihr nach ihr nach. Den Namen der Witwe kannte er von mir: „Aber, Olga hat Dich doch so geliebt!“ Da hat der tote Herr einen Schlag bekommen und trägt nun auch noch die Schuld.

Mahlzeit

Gage: In der Kneipe bestellte sich der Parasit erst einmal zwei leckere Brötchen, eine warme Tomatensuppe, einen kalten Wodka und ein großes Bier, setzte sich neben mich als sicher Lebenden und Lebenslustigen. Damit stand der Zaungast außerhalb des Verdachts, Parasit zu sein.

Ich konnte damit gut leben. Und leider, das gebe ich zu, musste ich bei der Beerdigung zweimal lachen: beim Geschrei aus der Kapelle, das so klang, als sei der vermeintlich Verstorbene gerade auferstanden. Und ich fand die herzliche Anteilnahme der Witwe sehr erheiternd, zumal sie damit am Grab auf den Boden schlagend abschloss: „Das hast Du nun davon!“ Wovon? Von der ewigen Dudelei von „Hinterm Horizont geht´weiter“?

Neue Aufgabe

Ich bin fest entschlossen, künftig einmal im Jahr den Trauerredner zu geben. Ein Angebot gibt es: Der Bestatter hatte am Ausgang gefragt, ob ich das nicht beruflich exklusiv machen wollte. Ich denke darüber nach. Den Parasiten setze ich als Assistenten ein. Der ist wirklich gut! Ich weiß, wo ich ihn finden werde, dreimal pro Woche.

Während des Heimwegs war die Beklommenheit abgefallen. Hier und da wurden Zigaretten geraucht, verschwanden Damen zur Verrichtung ihrer Geschäfte im Unterholz und taten ihre Pläne für den Abend im Sächsischen kund. Zwei wollten unbedingt zur Versammlung von PEGIDA nach Dresden fahren. Hinterm Friedhofstor können Verstorbene schon vergessen sein.