21.01.2019

„Emil, nich det ick Dir flaume!“

 

Sommerende. Berlin ist eine schöne Stadt: lustiger als Köln, aufregender als Hannover. Fast die beste der Welt.

Rasant zwar, aber wendig ist der geübte Radfahrer in dieser Stadt. Er bremst, beschleunigt, tobt.

BundesplatzWann immer genau am 1.Mai in Berlin der himmlische Licht-Schalter angeht, Touristen in die Stadt strömen und die ehedem Verwurzelten und später Reingepflanzten zwischen Pankow und Zehlendorf in ihren Schränken nach Sommerlichem suchen, ändert sich von einer Stunde auf die andere alles.

Nackt im Garten

Mögen auch Tauben-Eier vom Himmel hageln. Das Gewächs blüht auf. Der Winter indessen ist grauenhaft trist. Deshalb liegt der Berliner am 1.Mai nackt im Tiergarten, um sich in der Sonne zu rekeln, obwohl der Körper bei 10 Grad bibbert. Man hat die Blockade überlebt, aber schlimmer noch: den Berliner Winter.

Die Fünfer-Gruppe aus Oelde

Die Fünfer-Gruppen aus Oelde oder Euskirchen nehmen in ungeahnten Massen ausgerechnet nebeneinander die Wege vom Kurfürstendamm zum Brandenburger Tor. Da fragt man sich auf seinem Rad: „Glauben die, die sind allein auf der Welt?“ – Sechs Kilometer noch um 16 Uhr. Der Bus fährt doch erst abends um 6 vom Zentralen Omnibus-Bahnhof, dem ZOB, zurück. Vom Brandenburger Tor noch einmal sechs Kilometer bis zum ZOB, gefühlte Meilen. Kurz glotzen am Brandenburger Tor und gleich weiter. Wird vielleicht noch für ´n Taxi reichen. Oh, wie schön ist Oer-Erkenschwick!

Rot laufen

Dass sich die Damen und Herren aus der Ferne von Zentrum zu Zentrum lästig in Richtung Siegessäule über die ausgerechnet rot-roten Fahrradwege schleppen, sollte die lärmenden Radlerinnen und Radler nicht stören.

Gelobt aber sei die feingliedrige Dame auf dem Holland- und dem Körbchen am Lenkrad, der schon bis zur CDU-Parteizentrale unentwegt Ausweichmanöver zugemutet wurden. Beherzt scheucht und schnauzt sie den gebeutelten Tagestouristen an und erreicht gut gelaunt ihren bürgerlichen Bundesplatz in Wilmersdorf mit Grabnähe zur ollen Marlene: „Dit jeht ja janich!“

Emil, nich det ick Dir flaume!

Indessen ist der Tagestourist Eroberer Berlins für einen Tag, für jeden Tag im Sommer. Dehydriert, erschöpft und heilfroh, selbst kein Berliner zu sein. Wäre ja noch schöner. Andererseits braucht man ihn halt, den Besucher. Der eklige Winter kommt doch, zumal der wahrhaft Interessierte für seine bevorstehenden, jahrelangen Berlin-Vorträge in Letmathe allerlei Fragen stellt, die einen umwerfen. Wenigstens etwas Frühling ist dann im Herzen garantiert, winterlang.

Der Reisende fällt natürlich wieder ein, gewiss erst am 2.Mai. Ganz sicher. Warum? Das ist eine andere Geschichte von Berlin.

Jloobst’n det nich?

P.S.: Gestern sagte mir meine Optikerin, der Berliner gelte bei den Touristen als arrogant. Wir haben lange gegrübelt. In ihrem kleinen Laden konnten wir das nicht verstehen, zumal in der Straße, die den Namen Detmolds trägt.

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