23.09.2019

Ghostwriter in Venedig

 

Notiz. Eine Dienstreise über Venedig zum Schreiben nach Bozen. 

Flughafen, Bus, Venedig. Freitag, 12 Uhr. Bedeckter Himmel, klare Luft Ende November.

Ghostwriter ItalienUnternehmer offenbar, Computerbranche, grau im abgetragenen Anzug. Westfälisch.

Blonde Frau an seiner Seite. Sie gibt sich betont feinsinnig. Beide Mitte 50. Der Mann guckt zum Himmel hinauf: „Scheiße, wie geht das hier?“, sucht nach gedruckter Hilfe auf Blech oder Papier hinter Glas. Gott kann unmöglich Italiener sein. Die haben schon den Papst. Sie stolziert gelassen auf dem Bürgersteig: „Keine Ahnung!“, redet nicht in seine Richtung. Vertrauen hat viele Gesichter. Er wird erkunden, wie beide zum Canale Grande kommen. Das ist nicht ihre Aufgabe. Seine Ungeduld lässt sie deshalb kalt.

Endlich: Der Bus fährt ein, der Mann ist beruhigt. Das wirkt, als habe der strenge Blick zum Himmel gereicht. Hinter mir im Bus er über die Kollegen daheim: „Ja, der Eine ist psychisch krank, die Andere ist eine Schlampe, der Dritte ist unterbelichtet!“ Sie schließt sich mit ihrer eigenen Beurteilung an: „Wie das hier aussieht in Venedig!“ Das ist Mestre. Es wird nicht mehr lange dauern, bis der Bus die Fähre erreicht hat.

Er nutzt die Zeit. Venedig ist Italien. „Der Berlusconi macht mit Frauen ´rum. Die Frauen reden darüber sogar in der Zeitung. Dass die Leute keinen Aufstand machen! Widerlich. Verkommen!“ Immer wieder steigen Venezianer ein, tragen schöne Kleider, grüßen freundlich, auch die beiden, die es vorziehen, starr nach draußen zu blicken. Jetzt fehlt der Seufzer: „Das ist zu viel! Wären wir bloß in Westfalen geblieben!“

Sie: „Gleich müssen wir auch noch Boot fahren. Venedig habe ich mir anders vorgestellt.“