09.12.2019

Kinderbriefe und Reiseberichte: Nordpol

 

Mein lieber Neffe,

natürlich ist es wieder Zeit, einen kleinen Brief an Dich zu schreiben, diesmal über den Nordpol. Hier in Berlin ist es ziemlich kalt geworden, viel kälter als bei Euch. Aber das ist egal, wenn man einen dicken Schal und schöne Handschuhe hat. Denn krank werden, will ich auch nicht.

Wahrscheinlich komme ich erst in vier Wochen zu Dir. Dann ist Weihnachten. Und wie in jedem Jahr gehen wir dann durchs Dorf, um das Christkind zu rufen. Das hat in den beiden vergangenen Jahren immer gut geklappt. Kaum haben wir draußen gerufen, schon war das Christkind drinnen bei der Oma gewesen. Wie haben die Geschenke gefunden während andere noch warten mussten. Warum soll man warten, wenn man da etwas unternehmen kann?

Geduld

Kalter WinterÜbrigens sind vier Wochen keine lange Zeit mehr. Hier in Berlin sieht man schon die ersten Weihnachtsbeleuchtungen. Die Leute bleiben abends oft zuhause, um ihren Kindern vorzulesen und darauf einzustimmen, dass bald der Weihnachtsmann kommt. Viele hören Musik oder singen gemeinsam. Wenn ich abends genau hinhöre, dann kann ich die Stimmchen der Kinder hören.

Die kleinen Mädchen und Jungs singen natürlich noch keine Weihnachts-lieder. Aber Kinderlieder gibt es ja das ganze Jahr lang. Vielleicht sollten wir zusammen üben? Oder kennst Du schon welche? Dann solltest Du mich ein Lied hören lassen.

Im Moment denke ich auch öfter darüber nach, wie das war, als Dein Vater und ich noch kleine Jungs waren.

Als Dein Papa sechs Jahre alt gewesen ist, da hat er an einem kalten, sonnigen Wintertag wirklich große Schneekugeln gerollt. Die eine kam auf die andere, immer höher – so hoch, dass es schwierig war, sie im Kreis übereinander zu stapeln. Was stand am Ende da? Ein Iglo. In diesem Iglo hat Dein Papa oft gesessen.

Traurig sein

Weil ich so klein war wie Dein jünger Bruder heute, also fast drei Jahre alt, da hat mich Dein Papa weggeschickt: „Nein!“, sagte er, „Du musst draußen bleiben!“. Damals war ich ganz traurig. Und heute erinnere ich mich immer noch daran. Siehst Du! Wenn Du eines Tages groß bist, wird Dir Dein Bruder  auch erzählen, wann und warum er traurig gewesen ist. Das wird Dir nicht gefallen. Sei lieber nett zu ihm. Dann sagt er später einmal: das war schon ganz toll mit dem Robin als meinem großen Bruder. Tu´ mir einen Gefallen: Grüß´ doch bitte Colin von mir!

Bei den Eskimos

Kennst Du Iglos? Eigentlich heißt das Iglu, mit einem U. Die Leute sagen das immer falsch. Iglo ist in Deutschland ja bloß eine Firma, die leckere Fischstäbchen macht. Es kann aber sein, dass es im Iglu – also mit einem „U“ am Ende – nicht nur sonntags Fischstäbchen gibt. Die haben da hoch im eisigen Norden nichts. Oft wird das Eis auf den Seen mit viel Kraft aufgebrochen, und wenn man Glück hat, kann man Fische fangen. Dann gibt es auch schon einmal Fischstäbchen. Das Öl der Fische, wenn man sie ordentlich „auswringt“, eignet sich übrigens für viele Dinge. Man kann es benutzen, um Öllampen zum Leuchten zu bringen. Das Öl eignet sich aber auch dazu, sich schön einzureiben, damit man nicht zu sehr friert.

Ein Iglu ist, aber das weißt Du bestimmt, ein Schneehaus. Iglu heißt übersetzt „Wohnung“. Lange Zeit haben die Eskimos, die sich schöne Mäntel aus dem Fell von Eisbären und Robben machen, um nicht zu frieren, in Iglus gewohnt.

Du kannst also künftig sagen, wenn Du mit Deinen Eltern zurück zur Wohnung willst: „Lasst uns endlich in den Iglu gehen!“ Es gibt kaum noch Iglus. Heute gibt es für die Eskimos Holzhäuser. Nun sind Iglus aber ganz tolle Erfindungen. Dafür braucht man nicht viel, und was man braucht, liegt vor der Tür: der Schnee. Die meisten Iglus haben sogar Fenster.

Das eigene Haus

Den Schnee rollt man, oder wenn man eine Säge hat, dann kann man auch quadratische Blöcke aus dem Boden schneiden und diese Blöcke aufeinander stapeln. Nach oben hin sollten die Blöcke etwas kleiner werden. Dann kann man eine Rundung bauen, die von außen aussieht wie eine Pudelmütze – und oben ist somit der Iglu geschlossen.

Für die Fenster nahmen die Eskimos einfach kleine Eisplatten aus dem See oder dem Eis und setzten die schmalen Eisplatten in die Wände ein. Das Eis ist so gut wie echtes Fensterglas, – vielleicht nicht so klar, aber dennoch nützlich, wenn sich einmal Besuch angesagt hat. Zu den Besuchern gehörten natürlich nicht nur Freunde, sondern auch neugierige Robben und Eisbären. Man kann sie rechtzeitig sehen im weißen Schnee.

Vorsicht!

Dennoch: Geh´ lieber nicht vor der Tür, wenn da einmal ein neugieriger Eisbär bei Euch stehen sollte, egal, wie nett er guckt. Eisbären haben oft Hunger wie der Wolf bei den sieben Geißlein. Nein, schenk´ dem Eisbär schnell eine Wurst und knall´ dann gleich die Tür zu. Dann sind beide zufrieden – und lach´ Dir ins Fäustchen, dass Du den Eisbären vor Deiner Tür so einfach überrascht hast.

Wirklich warm ist es in Iglus nie. Immerhin schützt diese Wohnung die Leute vor der Kälte. Also muss man auch im Iglu immer mit dem Mantel, mit Handschuhen, einer dicken Wollmütze und dicken Socken schlafen. Für die Eskimos sind aber Temperaturen um die Null Grad im Iglu schon ganz schön. Draußen ist es viel, viel, viel kälter. Wenn man sich dort nicht bewegt, dann kann man sofort erfrieren. Anders ist das eben im Iglu.

Bei 0 Grad gefriert übrigens das Wasser und wird zu Eis – und dann werden die Straßen nicht nur bei Euch glatt, die die Eskimos natürlich nicht haben. Also wenn es ganz plötzlich glatt ist, dann kann man in Eurem Dorf mindestens 0 Grad messen. Lauf´ los und guck´ dann sofort auf das Thermometer, ob das stimmt. Vielleicht ist es noch viel kälter.

Menschen wärmen

Damit die Leute nicht frieren, ist es für sie ganz wichtig, neben einem anderen Menschen zu liegen. Die eigene Körpertemperatur ist ja viel höher. Und dann ist das Kind, das sich an seine Mutter drückt, nicht nur ganz lieb, sondern für beide so, als würde man die Hand in der Kälte über einen kleinen Ofen halten, der wohlig wärmt und zufrieden macht. Beide, Mutter und Kind können sich gegenseitig wärmen.

Weißt Du schon, wie sich die Eskimos begrüßen? Nein, sie küssen sich nicht auf den Mund. Und wenn sie sich die Hände geben wollten, dann müssten sie ja die dicken Handschuhe ausziehen. Bei vielen Besuchern kann das ziemlich anstrengend werden. Vielleicht ist das auch gefährlich, weil man sich die Finger abfriert. Also reiben sie sich die Nasen.

Ganz richtig. Die kalte Nase wird dann gleich etwas wärmer, und deshalb begrüßen sich die Eskimos gerne und gelten als die freundlichsten Leute der Welt, die am liebsten jedem guten Tag sagen wollen – wenn sie nicht gerade Iglus bauen oder sich neben ihrer Mutter wärmen müssen.

Küss´ einen Eskimo

Ich würde vorschlagen: Damit Du einen echten Eskimo-Kuss bekommst, stehst Du jetzt kurz auf und gibst ihn Deiner Mutter oder Colin. Und wenn Du ein echter Eskimo sein willst, der so gern Leute begrüßt, dann geh´ heute Abend zu Papa, wenn der nach Hause kommt, und gebe ihm erst einmal einen echten Eskimokuss. Du musst einfach dreimal Deine Nase an seiner Nasenspitze reiben – natürlich nur dann, wenn die Nasen geputzt sind!

Die Eskimos sind schon nette Leute. Und sie haben viele Hunde. Hunde sind ganz treue Wesen, und die haben sich früher einmal überlegt, wie sie den Menschen helfen können. Also lassen sie sich seitdem an den Schlitten festbinden, um die zu ziehen.

Die Eskimos, die sich dann wieder einmal küssen können, setzen sich hinten auf den Schlitten und lassen sich durch den Schnee ziehen. Das machen sie, wenn sie zum gefrorenen See wollen – oder auch dann, wenn Sie Lust haben, andere Leute zu besuchen. Denn viel kann man am Nordpol nicht machen.

Langeweile

Und wenn man jeden Tag im Schnee spielen muss, wird das langweilig. Dann hat man irgendwann 50-Mal einen Schneemann gebaut oder andere Figuren oder mit Schneebällen geworfen – und möchte auch mal etwas anderes erleben. Das kann man ja verstehen. Die können ja nicht so einfach ins Phantasialand fahren, weil das zu weit ist. Züge, also ICEs,  fahren da am Nordpol auch nicht, weil die Gleise immer gleich zugeschneit wären. Schlimmer noch: Wie soll man denn den Hauptbahnhof finden, wenn der unter einem Berg von Schnee liegt? Nein, lässt man sich auf den Schlitten von den Hunden zu anderen Kindern ziehen und macht da blöde Scherze im Iglu – bis es dunkel wird.

Das ist sowieso komisch am Nordpol mit der Dunkelheit. Im Jahr gibt es eine Zeit, wo es einfach nicht hell wird. Es bleibt finster – Tage lang, Wochen lang. Und dann im Sommer wird es ganz und gar nicht dunkel, auch nichts nachts um 12 Uhr. Viele Kinder legen sich dann ein kleines Eisbärfell auf die Augen, um endlich schlafen zu können.

Zum Ausprobieren ist der Nordpol ganz gut. Leben möchte ich dort nicht.

Endlich Sommer

Ich bin ganz froh, wenn ich im Sommer mit Dir hier auf einer grünen Wiese spielen und mit Wasser im Sandkasten matschen kann: was ja Oma gar nicht leiden kann. Solltest Du ihr nicht einen Eskimokuss geben?

Jetzt drücke ich Dich ganz fest an mich und freue mich darauf, Dich bald zu sehen. Das dauert ja nicht mehr lange.

Und wenn es Probleme gibt, dann ruf´ mich an. Ich weiß dann gleich Bescheid, wie ich Dir helfen könnte. Ich bin ja auch Dein bester Freund und nicht nur Dein Onkel, der noch nie am Nordpol war, aber schon über das Eis geflogen ist – über Grönland auf dem Weg nach Amerika.