15.07.2019

Kurzgeschichte. Wie Klaus die erste Liebe verpasste

 

Claudia hat sich 30 Jahre lang gefragt, was aus ihrer ersten Liebe geworden ist. Die erste Liebe bedeutet Aufregung, zum Himmel tragendes Gefühl und Aufbruch in den zweiten Teil des Lebens. Das Glück klingelte damals mit 18 laut an die Tür. Liebe ist bedingungslos. Sie weiß: Wenn sie in schöne Augen schaut, kann es um sie geschehen sein. Die erste Liebe kommt trotzdem, selbst wenn die Wehrkraft fehlt. Doch die erste Liebe ist die, die jemand niemals vergisst. Auch Claudia nicht.

Das geschundene Herz

Darf man das Besondere relativieren? Als Claudia jetzt den Brief eines damals mit 40 hinter beängstigend jungen Dingern um die 16 herlaufenden Ingenieurs aus Düsseldorf bekam, lachte sie endlich über ihre allergrößte Liebe laut. Es war vorbei und Claudias Herz froh. Sie erinnert sich gut. Teflonmentalität einst von diesem Ingenieur: „Freu´ Dich, wenn er Dich betrügt!“ Wenn Klaus glücklich sei, müsse sie ihm das gönnen. Sie wäre sonst tatsächlich das, wofür Richard sie hielt: ein missgünstiges Nichts. Und das schon mit 18. Selbst engagierte sich Richard für einen Pädophilen und warb für seine Einsicht, dass er es nicht schlimm fände, wenn Erwachsene sich an hilflosen Kindern und Jugendlichen vergriffen. Immer weniger Menschen mochten Richard. Nur dieser Klaus hielt treu zu ihm, weil der Student Haltungen wie diese ohne Verstand für verwegen hielt. Claudia und Klaus diskutieren stundenlang. Klaus verstand nicht immer alles.

Quintessenz von diesem Richard: Die erste Liebe ist nichts wert … Sie muss in die Reihe dessen gestellt werden, was war und kommt. Seltsamerweise hat Claudia ihr erste Liebe heute noch im Kopf. Das ist fast genau 30 Jahre her, als die erste Liebe begann. Sie hat sie sich trotz allem bewahrt. Klaus hatte in dieser Zeit mit neun anderen Frauen im ehemaligen Jugendbett im Haus seiner Eltern in Münster verbracht. Claudia derweil in Essen war nie bei einem anderen Mann gewesen. Dämlich treu erfand sie elf Kerle, als sie Klaus´ Mut zur Ehrlichkeit nicht mehr ertrug. Clever war das wirklich nicht von ihr gewesen. Es wurde schlimmer. Dadurch war Klaus zwar verstört und blieb dennoch nur so lange ergeben bei ihr, bis die Nächste bei ihm sein wollte, die er sich nahm, um am nächsten Tag zu berichten. Ehrlichkeit, fand er, müsse sein. In der ersten Liebe steckt das Unglück der Verlorenen. Klaus fühlte sich frei. Er gab bei seinen Ausflügen den „Jungen mit den Ringelsöckchen“. Claudia bot er die Rolle der Basisbeziehung an. Sie weinte und blieb. Endlich verliebte sie sich nach Freiburg. Das Herz des Klaus´ war gebrochen. Sie kehrte nach dem Ausflug ins bessere Leben heim. Klaus heulte auf der Straße, als er sie sah. Claudia studierte, entdeckte die Welt und sah mild zurück: „So ein Idiot!“ Klaus ist dick geworden und der Grobian von damals geblieben. Das Schicksal bestraft also doch, freut sich Claudia.

Die liebe LiebeDer Blitzwürfel

Claudia denkt: Die Geist des Ingenieurs hat immer noch die Stärke eines Blitzwürfels, mit dem Touristen vor dem digitalen Zeitalter nachts den ganzen Kölner Dom ablichten wollten. Richard beobachtete beruflich den Erdboden. Klaus baute mit Stein. Claudia hätte Böses über ihren Klaus nicht laut gesagt. Sie trug ihn mit echter Leuchtkraft im Herzen. Nicht jeder große Fehler ist schlecht.

Er war die erste Liebe. Nach der hatte sie fürs Leben gelernt. Es kam ein Brief von Richard in Frankfurt/M. an, in dem der Ingenieur zurückblickte: „Jahrelang waren Klaus und ich die besten Freunde, und Nähkästchengespräche auch über Dich waren an der Tagesordnung. Zu grämen brauchst Du Dich nicht. Du warst, auch wenn das heute für Dich hart klingen mag, nicht Klaus´ Typ. Weder physisch noch psychisch. Ich gehe davon aus, dass es für jeden von Euch beiden die erste Liebe war.“ Das war sie. Und Klaus hat sie verpasst.