23.09.2019

Krankenhausgeschichten: Gerechtigkeit und Übermut

 

“Nun ist es gar nicht so schlecht hier. – Herr Schmidt, 76, aus SO 36 und ich versichern uns, dass es uns beiden gut geht. Ich hole Kaffee für ihn, er geht mit, wenn ich eine Zigarette benötige. Seine zweite Frau, die neue Schmidt seit 20 Jahren, findet, dass es schlechtere Gesellschaft als mich gäbe. Und zwischen den Laternenanzündern am Nord- und Südpol zu ihrer Zeit gibt es millardenfach schlechtere Gesellschaft als die beiden.

Unser neuer Mitpatient wird das später anders sehen.

Ich war im Sportrollstuhl unterwegs, den man nur mit zwei Händen steuern kann. Welch ein Desaster, um Herrn Schmidt einen Kaffee mitzubringen.

Sven ist ein junger Mann, 37, von einer Plattenfirma. Dort produziert er Videos. Svens Mutter liegt oben schwer atmend im Sterben. Also hat Sven hier bei Herrn Schmidt und mir seinen Platz am Tisch, erzählt, lockt uns nach draußen, um seine Zigarette zu rauchen. Deshalb kenne ich auch seine kleine Schwester Jenny.

Schwester Mandy bringt gleich zwei Tassen Kaffee, eine für Herrn Schmidt gleich mit. Der schläft noch. Mandy ist hellwach …

Gleich kommen Klazien und Sacha und Dirk. Sicher kommen dann Sven und Jenny dazu. Herr Schmidt und ich sind seit zwei Tagen schon da. Man sollte im Krankenhaus ein Glas Wein trinken. Herr Schmidt zögert, aber Klazien bringt ihm eine Dose Bier mit. Herr Schmidt greift ein. Wenn wir trinken, müssen wir alles selbst bezahlen. Klazien packt das Bier wieder ein. Die Krankenkasse.

Wir machen es uns trotzdem nett. Morgen werde ich entlassen. Ich könnte länger im Krankenhaus bleiben. Hier bei uns ist die Tür offen. In diesem Moment baut Herr Schmidt eine sehr schöne Collage auf seinem iPad zusammen: Türgriffe von alten Schiffen auf dem Wannsee. Herr Schmidt ist nämlich echter Westberliner.

Und Sven schaut nicht mehr vorbei.

Aus den anderen Zimmern hört man manchmal Schreie. Leute sind aus dem Bett gefallen. Umso mehr verstehen sich Herr Schmidt und ich mit Gemeinschaftssinn gut. Haben einen riesigen Raum, und gestern Abend riefen wir uns durchs Zimmer wie bei den Waltons zu: gute Nacht. Da waren wir noch allein.“

Teil 2

„Wir bekamen zwischendurch einen Mitpatienten ins Zimmer, einen jungen, humorfreien Sportler, dessen arg übergewichtige Freundin bis spät mit Abstand am Bett sitzen durfte, zumal der junge Mann der Meinung war, nicht mit ihr sprechen zu müssen. Sie starrte ins Leere und hielt sich wacker. Die gute Frau hat eben nicht zu murren. Sie war müde und wurde schlecht behandelt. Wir hielten uns da heraus. Zunächst.

Herr Schmidt und ich konnten wenig mit dem Jungen anfangen. Der Herr musste zwei Tage lang im Bett liegenbleiben. Die Freundin tauchte nicht auf.

Bei mir: Der Schlauch aus dem Knie war entfernt, der Knorpel etwas geschmirgelt, der Gelenkerguss weg, wieder etwas vom Meniskus abgeschnitten und auch etwas am Knochen gesägt worden. Wenig Blutverlust. Der Knorpel trägt die Spuren eines 60-Jährigen. Fahrrad fahren lautete die Anweisung. Wenn die wüssten, wie ich das mache …

Das Zeichen kam heute Morgen von Herrn Schmidt, weiterhin 76: ´Es gibt Leute, da geht etwas in ein Ohr hinein und aus dem anderen nichts heraus …´ Da muss sich etwas beim Jungen angesammelt haben. Herr Schmidt versteht die Frauen.

Also kündigte ich die gelogene, schwere Nachricht an: Das Bein werde abgenommen. Herr Schmidt meinte, das ginge etwas zu weit. Es sei doch der Arm. Ich bat darum, den Arm haben zu dürfen. Dann würde ich ihn im Wohnzimmer aufhängen. Der junge Mann guckte sehr böse, sah meinen Namen auf einem Papier und erkannte: ´Alle Polen sind böse.´ Böser Pole. Dabei trage ich einen dänischen Namen.

Warum soll man sich im Übermut beeindrucken lassen?

Dummerweise ist einer der Pfleger Russe. Der grinste. Als ich dessen Biografie erfand, wonach der Russe ehemals Metzger gewesen sein und jetzt in Deutschland eine Umschulung mache, war unser Mann arg bestürzt. Er glaubte alles.

Herr Schmidt gab das Zeichen: aufhören. Wir taten es, wenngleich wir gemeinsam am Tisch frühstückten, grinsten – und der Junge tief zerstört darüber nachdachte, ob womöglich Bein und Arm tatsächlich abgenommen werden würden. Wir dementierten nicht, verabschiedeten uns freundlich und trollten später fröhlich davon. Gesundheit braucht Opfer.

Aber: Zwischenzeitlich war ein neuer Mitpatient eingetroffen, draußen auf dem Flur wartend. Rote Nase. Womöglich dem Alkohol zugeneigt.

Herr Schmidt kündigte an, das wäre ja alles nicht so schlimm mit dem Bein und dem Arm. Dafür werde heute Abend schön und laut im Zimmer gefeiert. Danach sehe der neue Patient aus. Da war Sense. Der unfreundliche Mann verfiel wieder in eine Depression, die ich damit auffing zu erklären, er habe ja mit Herrn Schmidt und mir eine gute Zeit gehabt. Que sera. Seine beste.

Daran werde er sich am Abend erinnern. Ehrliche Seelen wie uns könne man nicht vergessen … Herr Schmidt grinste: ´Den Führer sind wir los, den Schein haben wir noch.´ Führerschein … Berliner Humor. Freie Fahrt im Krankenhaus.

Der Arzt kam zur Visite, erzählte etwas von einer Maschine, an der der Bettlägrige arbeiten müsse. ´Mit einem Arm und einem Bein?´ Der Arzt guckte den Mann an und beließ es dabei. Der Arzte, in dem der Wunsch nach eigener Karriere dick thronte, dachte: Tabletten und Nebenwirkungen … und ging angewidert.

Pfleger Robert meinte, ich solle das in Ordnung bringen. Konstantin, der russische Pfleger, fand, das sei nicht nötig. Ich tat das also nicht. Der russische Metzger hatte gesprochen.

Heute Abend wird der junge Mann mit beiden Beinen und Ärmchen einschlafen. Das weiß er noch nicht. Vielleicht ist er dann lieb zu seiner Freundin. Wie Du kommst gegangen, so wirst Du auch empfangen.

Alle Deutschen sind böse, die Polen erst recht – und die Russen Metzger. Jetzt kennt der Junge die Lage.

Vielleicht umarmt er heute Abend seine Freundin und geht irgendwann mit ihr tanzen, mit zwei Beinen. Finales Wort von Herrn Schmidt: Hopsen geht auch.

Man kann das infantil nennen, was Herr Schmidt und ich gemacht haben. Schieben wir das eben auch auf die Medikamente … Wie soll man einem kranken Mann böse sein? Doch sagte die Krankengymnastin, eine Berlinerin: ´Quatsch, sie sind nicht krank, nur operiert. Jetzt plustern sie sich nicht so auf.´ Ich bin entlassen.

Wie wahr. Der junge Sportler dämmerte hinter den Wolken seines dunklen Schicksals, bevor der Mann mit der Säge kommt.“

Es ist die Psyche, die einen umbringt, nicht die Operation.“

Der Autor will nicht genannnt werden. Dann machen wir es so … Und Herrn Schmidt gibt es. Der Autor dankt ihm und seiner Frau.