21.05.2019

Liebe und Schicksal. Tomasz und Alexandra.

 

Wie schreibt man eine Kurzgeschichte mit einem Anfang, aber ohne Ende?

„Wer beim Radio arbeitet, ist vielleicht heilfroh, das Geplapper seiner Hörer nicht ertragen zu müssen. Kluges wird auf die Membrane gesprochen. Man sagt vom Tisch aus Tschüss, das rote Licht geht aus, und es laufen die Nachrichten.

Kurzgeschichte schreibenMan kann nicht sagen, dass sich der Sprecher gelangweilt hat. Er nicht. Doch Alexandra draußen hatte gar keine Ahnung davon, was der Unterschied zwischen wichtig und interessant ist. Hatte sie Langeweile, rief sie Tomasz vom Radio an. Der ging in Berlin-Schöneberg bald nicht mehr ans Telefon.

Diese Handygeneration braucht einen Führerschein, dachte Tomasz, zuckte zusammen, schaute vorsichtig auf die Anzeige seines Fernsprechapparates. Die seltsame Melodie hallte durch den Raum, minutenlang. Endlich herrschte Stille. Alexandra hatte ihre Langeweile überwunden, also aufgelegt. Tomasz fand mühsam den Gedankenweg in das Abenteuer wieder, das er am nächsten Tag aus einem Studio erklären wollte: Jedenfalls das, was die Welt zu interessiere habe.

Die größte Strafe für plappernde Dummköpfe sei längst nicht mehr die Tracht Prügel mit Mutters altem Teppichklopfer, sondern der Entzug des kleinen Telefons. Man redet über das Theater, über Maler, Bücher, nur nicht über die Kultur des Telefonierens. Kulturschaffende fühlen sich nicht zuständig, Politiker sowieso nicht.

In der U-Bahn trauen sich nicht einmal die Hartgesottenen, den Regenschirm zu nehmen und einer schwadronierenden Schwätzerin wie Alexandra das Handy mit einem Hieb aus der Hand zu schlagen. In vielen Jahren wird es dafür Applaus geben. Tomasz würde lange vorher eine der Schlägerinnen mit all seiner Wärme umarmt haben. Denn die Frau hatte den Mut einer saarländischen Kugelstoßerin des Jahres 1956 und den Blick der schwarzen Mamba vor dem tödlichen Biss gezeigt.

Tomasz war 40 und schrecklich in die 29-jährige Alexandra verliebt. In den ersten Tagen ihrer Zweisamkeit fand sie seinen Nachnamen so bezaubernd, dass sie gleich an die Trauung dachte. Er vergab ihr alles. Man braucht kein Freund Beethovens und des 16. Streichquartetts zu sein, um sich wie der Komponist zu fragen: „Muss es sein?“

Am Ende der Zweisamkeit traf eine SMS ein: „Ich habe einen Neuen!“ Sie meinte vermutlich den Namen.

Tomasz blieb zerzaust zurück, weinte unentwegt, aß nicht, duschte nicht, fühlte sich verloren. Der Himmel war ihm dunkel im grellen Sommerlicht. Dann kam der Sylvesterabend. Darf man die Realität verleugnen, wenn Alexandras Neuer während der leuchtenden Bumserei da draußen lieber mit einer gebräunten Transsexuellen in Berlin-Hellersdorf schlief? Es war so.

Alexandra fand ihr Handy nach Mitternacht viel bombiger, rief Tomasz an und wünschte Geschlechtsverkehr. Lange herumdrucksen musste sie nicht. Interessiert sei sie ebenso an den illegalen Downloads von Filmen und Liedchen. Aus ihrem Mund quollen dafür Details des erhofften Stelldichein zwischen Schulter und Knie, zwischen Bett und Kronleuchter.

Tomasz brauchte danach zu lange, um die Verabredung, die nach drei Tagen stattfinden sollte, abzusagen. Absurderweise kamen ihm kurz zuvor ein halbverbranntes rumänisches Schnitzel und fader Gurkensalat in den Sinn. Der Hungrige verzehrt sich danach bis in die Träume hinein.

Im einzigen lichten Moment der folgenden Tage besann er sich auf die Lüge, in guten Händen zu sein. Es wurde eine Liebe erfunden, sogar mit internationalem Touch. In Wahrheit war Tomasz der einsamste Mensch der Welt. Hätte Tomasz nicht bloß schreiben sollen, dass der Sex entfällt? Wäre der Satz „Scher´ Dich zum Teufel, bedeutungslose Schlampe!“ nicht besser gewesen? Man hat gut reden.

Tomasz traf sich in den ersten Januartagen mit einem „Informanten“, wie er ihn nannte. Im amerikanischen Film hieß so einer „deep throat“: Das war völlig ausgeschlossen.

Der Informant war zwar mit Alexandra bis in alle Ewigkeit verkracht, doch wie ein Förster auf dem Hochsitz. Bei ihm trachtete Tomasz nach Informationen, die er sowieso schon kannte. Die Rede war von einer Mitbewohnerin der Alex, die alles mitgenommen hatte, was ihr gehörte. Also war die Wohnung leer, vollkommen leer. Die deutlich zurückgebliebene Alexandra hatte in Tomaszs Herzen ein neues Zimmer bezogen. Das wusste sie, er nicht. Er wird die Untermieterin ein Leben lang spüren.

Sie selbst hat per Handy mitgeteilt, sie wünsche, dass der elf Jahre ältere Tomasz für den Geschlechtsverkehr einen zweiten Mann organisiert, am besten einen aus Portugal. Was wird Tomasz tun?“

Jack Klein: „Trauer hat viele Gesichter“

Berlin, 2008 (vergriffen)

Lektorat: Karl-Heinz Smuda