20.05.2019

Osttimor und der Soldat Oliver

 

1999. Oliver gehörte zur australischen Armee und einen Tag lang zu mir. In der Dunkelheit der Nacht begrüßte er mich heroisch: „I am your conductor!“, also mein Leibwächter. Daran gab es vor dem Flug von Darwin nach Dili in Osttimor nichts auszusetzen. Eine internationale Schutztruppe sollte vor dem Eintreffen der offiziellen UN-Friedenstruppen die humänitäre Krise im indonesischen Inselstaat lindern.

Ost-Timor.DiliIdylle

Oliver ist 15 Jahre jünger, und damals war er ein entschiedener Soldat. Das reichte für mich als Hörfunkkorrespondent aus Australien nicht. Der Brandgeruch zog über den Marktplatz von Dili. Heiß brannte die Sonne. Geschwungene Hügel mit strahlend grünen Bäumen im deutschen Dezember täuschten Idylle mit Vogelgezwitscher vor.

Durst in der Krise

Oliver hatte nach der Ankunft mit seinem Durst zu kämpfen. Er entdeckte Kameraden. Die duschten am Flughafen nackt unter Fässern. Mein Beschützer verschwand freudig im Wasser. Ich stand verlegen herum. Er hatte die kugelsichere Weste auf halber Strecke auf den Boden geworfen.

Sauberes Klo

Doch der Soldat schwächelte nach Stunden. Er wünschte sich gequält eine saubere Toilette mitten im Krisengebiet. Da gab ihm das Rote Kreuz am Rande des Marktplatzes Inspiration. Oliver zog die beiden braunen Metallplatten vom Rücken und von der Brust, die mit Lederbändern über den Schultern gehalten wurden. Da lagen sie nun auf dem Boden. Mitten auf dem leeren Platz stach mir Mittagssonne heimtückisch strahlend ins Gesicht. Niemand war in der Nähe, um wenigstens mit dem Kopf zu schütteln.

Ich sollte schön auf dem Rucksack aufpassen und am besten gleich aufs Gewehr. Als mögliches Opfer von Scharfschützen oder Kidnappern stoppte ich mit dem Knie seinen Rucksack. Oliver war gewappnet. Die Verpflegung sollte ihm für eine Woche reichen. Der Rucksack war gewaltig groß.

home again

Verdutzt und das Gewehr mit der rechten Hand in Hüfthöhe nach vorn ordentlich auf den abgewetzten Beton richtend, wartete ich geduldig auf den Soldaten. Der tauchte nach 20 Minuten wieder auf.

Das Rote Kreuz war zweimal freundlich gewesen. Aus dem rechten Mundwinkel Olivers baumelte Petersilie. Oliver: „Ich bin müde, ich will nach Hause!“ Für quengelnde junge Leute braucht man unbedingt Geduld und eine Augenbraue zum Heben.

Lebensgefährlich, aber glücklich

Wir flogen heim und stürzten gegen die heiße Luft der Turbinen hinten auf die Rampe eines Flugzeuges, das nach acht Minuten in den Himmel schoss. Ich musste ohne ihn und mit einem anderen Conductor wiederkommen.

Oliver war lebensgefährlich, aber glücklich. Der andere am nächsten Tag nicht.

Foto: google-Maps