19.07.2019

Rügen im Sommer. Oder: Wir sind ein Volk

 

„Dort erinnern wir uns an Rügen und die Kreidefelsen, und wir als Weltreisende durch Deutschland finden keck: Je mehr Leute nach Rügen fahren, umso katastrophaler wird alles. Die Straßen sind voller Touristen, zu denen wir uns zählen müssen. Vielleicht denken die Anderen auch so.

Erlebnisse aus RügenSelbst überpackt mit allerlei Zeugs schimpfen sie über diese Touris, die einfach nicht zuhause in Recklinghausen, Chemnitz oder Würzburg bleiben können. Recklinghausen rühmt sich wegen seiner kulturellen Vielfalt. In Chemnitz ist man in den Plattenbauten unter sich und genießt mit Maik und Mandy am Abend Spreewaldgurken in Asbach Uralt, und in Würzburg liegen die Weinberge vor der Tür, an denen es sich lohnt, entlangzuwandern.

Die Chemnitzer schimpfen auf den Straßen Rügens über die Würzburger, und die Recklinghäuser sinnieren, dass sie sich eher die Pulsadern öffnen würden, bevor sie zur Tat kämen, die Straße des Friedens in der „Ostzone“ zu betreten. Um Himmels willen! Was wollen die denn alle gleichzeitig in Rügen? Das denken wir uns, die sich Ruhe und Beschaulichkeit wünschen. Schuld sind nur die Kreidefelsen. Einer und etwas muss ja schuld sein. Das war uns eine Lehre.

Wir planen an den Touristenströmen vorbei. Wir gehen um 10 Uhr morgens zur Kartbahn, um 12 Uhr zur Sommerrodelbahn.

Der gewöhnliche Tourist läuft um diese Zeit am Ostseestrand entlang, quält sich ein „Grüß Gott!“ aus dem Hals, nickt andere ab, und wenn er gut drauf ist, ruft er zu „Ist das nicht herrlich hier?“ Das kann keiner ignorieren, lächelt als Angerufener zurück, nickt und denkt sich „Herrlicher wäre es ohne Sie, die mir entgegenplärrt, obwohl ich gerade begonnen habe, den Stress abzustreifen, mit dem Blick den Wellen zu folgen und an kühles Bier zu denken.“ Was machen sie? Sie antworten: „Ja, herrlich hier, fast so wie auf der anderen Seite in Dänemark.“ Da grinst die Erstrufende. Man versteht sich.

Hat man wirkliches Pech, trifft man sich abends unfreiwillig in einer kleinen Kneipe und muss fachsimpeln: „Deutschland kann ja so schön sein. Das wissen die meisten nicht.“ Ganz so ist es nicht, sonst wäre Rügen nicht rammelvoll. West trifft Ost, und der Recklinghäuser gibt vornehm zu verstehen: „In Chemnitz waren wir noch nicht, obwohl wir uns das immer wieder vorgenommen haben.“ – „Wirklich? Ach, wir sollten uns duzen. Ich heiße Erich und meine Frau Margot.“ Niemand lacht. Der Recklinghäuser bestellt zum Bier einen einzigen Schnaps mit den Worten: „Billig und viel wie das Leben, bitte.“

Ganz voll soll das Glas sein und dann am besten nichts kosten. Ganz voll ist wie die Aufschrift am Modeladen in Recklinghausen: „Wir reduzieren bis zu 70 Prozent und mehr!“ Aber voller geht´s doch nicht.

Es muss ein zweiter Schnaps her. „Ein Volk. Was für ein Volk …“, ruft Frau Recklinghausen, die offenbar sprechen kann. Noch.

Die Chemnitzer sind entzückt, halten das für Philosophie und schmeißen eine Runde für sich und diese wunderbaren Urlaubsbekanntschaften aus dem Ruhrgebiet, das auf sie wirkt wie die das neue Bitterfeld, das sich so zum Guten verändert habe. Sie trinken alle gemeinsam auf das Wohl von Recklinghausen und Chemnitz: mit der „Goldkrone“, den allseits beliebten Weinbrandverschnitt, wenn man so will.“

Aus: Weltreise durch Deutschland