20.05.2019

Kurzgeschichte. Der Tod lauerte bei EDEKA

 

Als diese Frau hier hinten in Friedenau energisch nach dem Verkäufer ruft, riecht das nach bedingungsloser Unterordnung. Hier sagt nicht nur EDEKA, der Kunde ist König. Andere schleichen vorbei.

Apfel!

Karl-Heinz SmudaDer leckere Joghurt mit dem Apfelgeschmack sei ihr Plaisir. Der Verkäufer steht stumm und stramm da. Nun habe die Dame wöchentlich mehr als einmal ins Regal gegriffen. Immer suche sie nach dem richtigen Geschmack. Dass „Ehrmann“ seinen festen Platz habe, sei ihr klar. Doch jedes Mal müsse sie Aufschriften auf den Joghurts lesen, die sie gar nicht interessierten: Erdbeere, Kirsche, Pfirsich. Was soll das?

Apfel!

„Apfel!“ –  Die ohnehin hängenden Mundwinkel senken sich tiefer, tiefer: „Apfel!“ Diese Frau hat manchen Krieg gewonnen. Das ist dem armen Verkäufer klar. Aschfahl ist das schulterlang gebürstete Haar der Berlinerin, grau das Gesicht des Mannes mit seinem weißen Kittel. Doch die Uniform unterscheidet sich sehr wohl noch von seiner Gesichtsfarbe.

Apfel!

Fortan wünsche die Frau Ordnung, eine eigene Ecke im langen Kühlsystem zwischen Quark und Joghurt. 2 Euro pro Woche, die sie für den wunderbarsten aller Joghurts ausgebe, ihre Leidenschaft und Treue: Das alles schreie nach Sonderbehandlung, nach einer eigenen Ecke in der schneeweißen Auslage, die sich Meter um Meter entlangzieht.

Doch ihre „Ehrmanns“ sollen fortan, ohne Verzögerung und Einschränkung, für alle anderen Kunden zum gekühlten Todesurteil werden, von dem man hier bei EDEKA im Westen Berlins fortan besser die Finger lässt. Hier geht es um Joghurt, hier wird notfalls für ihn gemordet.

Apfel!

Es ist wie bei Schischyphusch oder der Kellner meines Onkels von Borchert. Der Verkäufer hat Kraft gesammelt, abgewogen, gezögert, verworfen. Dann aber, ja endlich, sagt er das Unglaubliche: „Glauben Sie, Sie sind allein auf der Welt?“