21.05.2019

Beispiel: Biografie als Roman

 

Ghostwriting: Sexuelle Eskapaden

„Das hat die Taxifahrerin fein beobachtet: Ich hätte geschlafen. Wir befanden uns doch vor der imposanten Kulisse des mittelalterlichen Schutzgebietes. Wie Blumenkohl Töne erzeugt, so schallte es aus der Frau heraus: „Wir sind gleich in Schässburg!“ Das Denken macht kein Geräusch. Hingegen hat Schässburg einen gewissen Charme. Schässburg ist nicht Käseburg! Mit dieser Fahrerin ist Transilvanien so aufregend wie eine politische Diskussion im Fernsehen. Ich aber habe süß geträumt und kam mir wie jemand vor, an dem nachts gerüttelt wird: „Schläst Du schon?“ Der Burgberg ist einer der Lieblinge der UNESCO. In Schässburg lebt es sich gräflich. Die grüne Fee im Absinth neben mir hätte Graf Dracula sehnsüchtig nach seinem Reisesarg rufen lassen. In Schässburg wohnte der Herr. Ich würde ihn fragen: „Gibt es ein Leben nach dem Tod?“ Der Graf würde an sich herabschauen und dann auf die rund 40-Jährige zeigen: „Das siehst Du doch!“ Geradezu begeistert von der Atmosphäre schritten das Droschkenweib und ich die jahrhundertealte Steintreppe hinauf. Noblesse oblige. Seine Lebensgeschichte ist eine schwarze Kommödie im Film. Da schiebt jemand abends den Sargdeckel zur Seite und verschmäht Champagner als Erfrischungsgetränk. Banause! Nach der Taxifahrt mit der schwach angezogenen Rumänin kam mir Knoblauch in den Sinn. Den würde ich ihr vor die Nase halten. Sie müsste vor dem alten Gemäuder bloß die gemeine Frage stellen: „Sehen Sie das?“ Bin ich denn blind? Ich sah vor ihr den Wegweiser: „Zum Verlies!“ Vom Turm aus gelangten wir über breite Stufen im Fels in einen großen Raum der Burg. Das Licht war gedämpft. Schimmelig roch es. Das lag nicht an der Taxifahrerin, die meinen Arm ergiff: „Ich habe Angst!“ Dabei lagen die Folterwerkzeuge in der Vitrine. Sie rang nach Luft und jetzt fehlte der Ausruf: „Bringt mir Riechsalz!“ Ich drehte mich zu ihr um. Interessant waren die bebenden Brüste. Ich war der eine, und der Zyklop war schnell der andere große Bruder. Meine Hand ruhte beruhigend an ihrem Poansatz. Dann umfasste sie die Taille. “Beruhigen Sie sich, gnädige Frau!“ Niemand würde ihr etwas antun. Ob Dracula im Zustand der Sünde Zeit für Höflichkeiten gehabt hatte, bevor er aus Lebenden schlürfte? Die Damen bebten derweil vor Entzücken. Das sollte ich offenbar einer Taxifahrerin bereiten. Aber hier mit ihr? Meine linke Hand glitt an ihrem Becken nach unten ins Leere. Mich zogen die Beine einen halben Schritt fort. Manche Bauersfrau hatte sich in grauer Zeit dem Grafen ergeben. Das Leben auf der Burg ist seit altersher der Traum transilvanischer Frauen. Willig geben sie weiter fast jedermann, was der nicht verschmäht. Nähren muss er dafür die Zukunft nach bitterer Armut. Sonst bleiben Hoffnung und der Schlaf. Wer das weiß, nutzt die Gunst der Stunde nicht. Ein edles Gemüt braucht man wohl, um zu widerstehen. Andernfalls kann der scheinbar Wohlhabende in Rumänien sein Gestüt finden, auf dem er je nach Fleischeslust ausreitet. Die Stute wird die Tränke wittern und dafür wiehern. Für Dracula war die Stute selbst die Tränke. Die konnte einem ordentlich die ganze Nacht ruinieren. Wer trinkt denn auf einmal ein ganzes Fass aus? Anders als im Film ist die wahre Geschichte des Herrn Grafen in Transilvanien. Statt auf scharfe Zähne und seinen Saugreflex zu setzen, griff er zur Stahlmaske und zum Keuschheitsgürtel. Mir schwante die Tortur, doch kann sie vergnüglich sein wie eine Reise auf der Mosel. Mein Anker waren im Verlies die mächtigen Holzbalken und Streckbänke. Die Strafböcke riefen mir zu: „Lass mich nicht verrotten!“ Ich gedachte der zahlreichen Lehrräume, die ich mit Möbeln und reichhaltigem Zubehör bereichert hatte. Nun konnte die Taxifahrerin weiterhin wimmern. Sie interessierte mich nicht. Heiter ist das Spiel. Das Spiel ist eine Kunst. Das Leben ist eine Schule und die Gestrenge eine aufmerksame Lehrerin.“

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