17.09.2019

Ghostwriter. Biografie als Roman: niederländische Sommerfrische 1940

 

1940 marschierten die Deutschen ein. Während der Eroberung des niederländischen Hafenstädtchens und bei der Verfolgung der sich über das Wasser nach Dünkirchen zurückziehenden französischen Truppen gingen die deutschen SS-Verbände nicht zimperlich vor. Dünkirchen, knapp zehn Kilometer westlich von der belgischen Grenze entfernt, war zum letzten Evakuierungshafen der Briten geworden. Es wurde gekämpft. Vor der Einnahme der Stadt durch die Deutschen konnten 330 000 alliierte Soldaten davor bewahrt werden, in deutsche Kriegsgefangenschaft zu geraten. Das war 1940.

Doch die Bombardements der Alliierten wurden von Monat zu Monat heftiger. Vor allem um den Werfthafen wurde gebangt. Kurz vor jedem Angriff, wenn das dröhnende Signal der Sirenen über dem Dorf erklang, verkroch sich die Familie kauernd im Abstellraum unter der Treppe. Wegen des Grundwassers gab es keinen Keller, der beim direkten Treffer sowieso nichts genutzt hätte. Nikolaus schrie solange, bis die dumpfen Explosionen verstummt waren. Mutter drückte ihn immer fester an sich, wog ihn nervös im Arm und hoffte für alle, dass der Küstenort als zu nichtig für die teuren Bomben angesehen werden würde. So war es. Die dunklen Schwärme überflogen die Küste auf ihrem Weg ins Ruhrgebiet, begleitet von zahllosen Jägern, und das faszinierte den Jungen am Boden, der sich lebhaft brummende Vögel hoch oben am blauen Himmel vorstellte und am Strand die Händchen hochzog, um einen dieser Vögel aus Frankreich oder England ganz für sich zu holen, was den Deutschen womöglich ganz recht gewesen wäre. Die Macht der Phantasie war dafür nicht groß genug. Fest in Nikolaus’ Erinnerung graviert blieb, dass seine Brüder und er an einem sonst beschaulichen Nachmittag ein abstürzendes Flugzeug beobachteten. Die Nordseewellen schwappten unbeteiligt auf die Küste, zogen sich wie ein Schleier über den weißen Sand zurück, um sich wiederum fallen zu lassen. Die Kinder liebten das, barfuß durch das Wasser zu plantschen, und dass sich am Himmel allerlei in diesen Kriegsjahren tat, gehörte zum Alltag, und im Grunde kannten sie es nicht anders.

Sie waren mehr oder weniger in den Krieg hineingeboren worden und hatten Glück gehabt, dass sie nicht in Essen oder Berlin zum Leben gereift waren, nicht in der ersten großflächig bombardierten Stadt, in Essen. Hier in den Niederlanden gab es das schöne Hotel, den Hafen, die alte Pracht und die Erinnerung an die große Aufregung, wenn deutscher oder englischer Hochadel Halt machten, mit der rechten Hand und einer halben Drehbewegung, die an das Öffnen von Konfitürengläsern erinnerten, das Volk freundlich zur Kenntnis nahmen. Jäh wurde die Idylle durchbrochen, und die Kinder verstanden von einem Moment auf den anderen, was Tod bedeutet. Nikolaus und dessen Brüder rannten eines Tages atemlos viele Kilometer weit zur Absturzstelle eines alliierten Jägers. Viel gab es nicht zu sehen. Als sei ein Stein waagerecht herabgefallen, lag ein Trümmerhaufen versackt in einem gezackten Loch. Weit drumherum verteilte sich die braune Erde, waren mittlerweile harmlose Brandlöcher auszumachen, weil das Feuer keine Nahrung mehr hatte. Inmitten der Trümmer lag die verkohlte Leiche des Piloten. Kleiderfetzen hingen an der sonderbar braunen und unebenen Haut, Knochen und verkohltes Fleisch stießen unterm Hals hervor. Die Augen ließen sich nicht erkennen, nicht die Ohren, kaum die Haare. Nicolas bekam Angst. Sie waren zu schnell gewesen. Auf dem Weg wabberte die Aufregung in ihren Herzen. An der Absturzstelle sagten sie kein Wort, bewegten sich wie in Zeitlupe, und dann dieses Bild von dem Soldaten. Niemand zog sie fort. Auch ihnen hätte noch Schlimmeres passieren können, wenn die Bordmunition nach dem Absturz hochgegangen, Metall und Glas durch die Luft auf die Kinder geschleudert wären. Nicht auszudenken. Die Mutter machte abends großes Theater, der Vater setzte Ohrfeigen, und in den Herzen der Eltern wollten sie milde bleiben, doch die Sorge um die Kinder trieb sie auf die Palme, weil sie hofften, beim nächsten Mal fürchteten die Jungs nicht den Tod, sondern Vater und Mutter zum Guten.

Der Krieg ist wie eine Schlange: lockt wie im Märchenbuch, beißt wie im Urwald von hinten zu, kommt herangeschlichen, ist fort und dennoch allgegenwärtig und bringt Verwundung und Tod. Wie sollen Kinder das verstehen können? Und mit jedem Monat festigte sich das Gefühl, dass es niemals wieder Frieden geben würde, an den trotzdem auch die glauben sollten, die nicht wussten, wie es ist, im Sommer wegen der Touristenströme zu stöhnen, das Versiegen im November zu bedauern und im März alles fein zu machen wie in jedem Jahr. Und die Geräusche! Fahrradklingeln im Städtchen, Hupen knatternder Automobile, Meeresrauschen am Strand und das Wegfliegen der eigenen Stimme, wenn gegen den Wind gerufen wurde: „Liebchen, ich brauche dringend einen Kaffee!“

Dort, in den Salons, wo es den Kaffee aus feinen Tässchen und die Milch aus polierten Metallkännchen gab, erklang bei den edlen Gästen vom Klavier ein Schlager wie dieser: „Nur nicht aus Liebe weinen!“, woran an diesem Ort nicht zu denken war, und wenn, dann deshalb, weil die niederländische Bedienung ihr wunderbarstes Lächeln klugerweise vor dem Abkassieren zeigte, während die gnädige Gemahlin darüber schwadronierte, dass der Sand sogar in den Bettlaken läge, ihr Reisen an die See durchaus gefielen, wenn sie nicht so schmutzig wären, worauf dem Gemahl nichts mehr einfiel und der sogar den Popo der kleinen Holländerin aus dem Blick verschwinden ließ, den seine seit mindestens viel zu langer Zeit auf gar keinen Fall sehen durfte, um ihm auf der Rückreise ins Münsterland nicht die Nerven kaputtzumachen.

Viele Männer hier wie er wussten: Scheidung oder Verrat! Lieber Verrat, hieß das Prinzip, und die Reise zum liebgewordenen Küstenstädtchen galt dem Durchhalten bis zum Tod durch eine friedliche Zeit von 14 Tagen, bevor es wieder zu den schönen Kartenabenden und Frühschoppen ging, ein Klapps für ein üppiges Trinkgeld im Rathauskeller sicher als doppelte Anerkennung des weiblichen Personals verstanden werden müsste und sowieso: Männer wie sie waren Helden des Alltags, und mit der feinen Lüge, es ginge mit den Freunden auf Wanderschaft, landeten die Rotgesichtigen und Feisten in den Cabarés und hofften auf feste Brüste, rundliche Hintern, geschmeidige Bewegungen und die Anrüchigkeit, die deren braven Ehefrauen versagt geblieben war. Und das schien überwiegend gut zu sein. Moralisch blieben sie flexibel. Im Zweifelsfall wurde die Geschiedene im Örtchen geächtet, geschwiegen, wenn Arzt oder Pfarrer sprachen und morgens ab 7 Uhr gekocht, wenn die Honoratioren beliebten, zum Sonntagsmahl nach der Heiligen Messe über die Türschwelle zu treten, sich nach der Labung den Bauch zu streicheln, sich Zigarren mit Zündhölzern reichen zu lassen, um sich am frühen Nachmittag vor dem Aufbruch doch noch zu einem zweiten Genever überreden zu lassen, artig dankten, der Hausfrau andeutungsweise das geschundene Händchen benetzten und ehrlicherweise überlegen mussten, wie denn der Rest des Sonntags aussehen sollte.

Eins war klar: Der liebe Gott war Katholik. Bei den Katholiken gab es sonntags dicke Soße, Braten, Dessert und allerlei Dreingaben. Dass diese Spezies der menschlichen Wesen in den Niederlanden nicht so verbreitet war, störte keinen der Ausflügler. Speisekarten sind wie gute Huren. Im Angebot steht, was gebraucht wird, um zufrieden zu sein, Lenden mit Bratkartoffeln, Hühnerbrust mit Nudeln oder Zunge mit Sahne. Diese friedliche Zeit war nicht vorbei. Und mag die Bombe fallen. Wir lassen uns den Urlaub nicht nehmen. Doch bevölkerten in den Kriegsjahren nicht nur Deutsche im feinen Zwirn das Städtchen, sondern auch die Uniformierten, die zu gern die Rollen getauscht hätten. Die deutschen Truppen wollten partout nicht vom schwer befestigten Atlantikwall an der Nordseeküste weichen, sodass ihre Bunkerstellungen in den Dünen weiter bombardiert wurden. Ebenso wurden die schweren Bunker rund um das kleine Hafenstädtchen ständig angegriffen. Die Nordseedeiche sollten erst im Sommer 1944 an vielen Stellen mit Spezialbomben durchbrochen werden, die in den Dünen verschanzten deutschen Verteidiger vom Nachschub abzuschneiden. In den tieferliegenden Poldern flutete das Wasser zwischen Ebbe und Flut wie auf der Nordsee.

Autor: Karl-Heinz Smuda

Biografie als Roman:

Niederländische Sommerfrische 1940