11.12.2018

Autor. Tamara Danz: Der Fotograf und die Rocklady

 

Sie traf auf den Berliner Fotografen Thomas Böhm, der über die Begegnung berichtete. Berlin. – Sie war und ist eine Ikone der DDR-Rockmusik: Tamara Danz. Die Band „Silly“ bleibt untrennbar mit dem Namen der Danz verbunden. „Asyl im Paradies“ heißt das Album, das sie aufnahmen, als die Nachricht vom Krebs kam. Die Schauspielerin und Sängerin Anne Loos ist nunmehr in die Fußstapfen der Danz getreten.

Indessen erinnert sich der Berliner Fotograf Thomas Böhme an seine Begegnungen mit Tamara Danz kurz vor deren Tod im Jahr 1996.

„Nein“, sagt der Berliner Fotograf Thomas Böhme (48), „sie ist nicht vergessen“. Ihr Grab in Münchehofe südöstlich von Berlin hat Böhme nie besuchen wollen. Dort liegt die Frontfrau der ostdeutschen Rockband an einer alten Mauer begraben.

Thomas Böhme macht vor dem tragischen Ende der Tamara Danz ein Jahr lang die letzten Fotos von ihr. Alle Motive sind in Schwarz-Weiß gehalten. Jede Falte ist zu erkennen. Mal gibt sich Tamara keck, mal traurig, mal ganz weit weg. Die großen Kulleraugen fordern bei einer Aufnahme den Fotografen heraus. Über ihrem zur Schnute geformten Mund hält sie eine Strähne des blonden Haares fest.

Gegen und für das Nein

So sieht keine Rocklady aus. Nicht die Danz. Und da hat ihm die, die für den Aufbruch eines Systems stand, im Blumenkleidchen manchmal in Berlins Mitte die Tür geöffnet. Am 18. September 1989 wird sie zur Mitinitiatorin und Erstunterzeichnerin der „Resolution der Rockmusiker und Liedermacher“ an die DDR-Regierung, in der die Zulassung oppositioneller Gruppen und politische Reformen gefordert werden. Die Staatsmacht verbietet das zwar. Doch Tamara verliest den Text in den Konzerten. Dennoch glaubt Thomas Böhme: „Sie war sehr verspielt.“

Nein, sie betäubt sich nicht, will bewusst nach ihrer Brustkrebs-Diagnose Anfang 1995 weiterleben. Zum ersten Mal dichtet sie da alle Texte für die neue „Silly“-CD „Paradies“ selbst: „Das einzige, was mir noch droht, ist noch so ein Leben nach dem Tod.“

Liebeswalzer

Tamara Danz stammt aus Thüringen, studiert in Berlin Gesang. 1978 gründet die Band „Silly“. Die Rockband ist aufmüpfig, spricht ihrem Publikum aus dem Herzen. Die Alben „Mont Klamott“ und „Liebeswalzer“ werden Renner in der DDR. Kein Gefühl bleibt auf den Böhme-Fotos unentdeckt: denn ihr anfängliches Misstrauen gegenüber dem leisen Fotografen hat die starke Frau aus Breitungen an der Werra durch Vertrauen ersetzt. Das sieht man den Fotos an. „Sie ist mehr und mehr neugierig geworden!“, erinnert sich der Westdeutsche, der seit 25 Jahren in Berlin lebt.

Herz und Schnauze

danzkurier12Ihr enger Freund Wolfgang Schubert, Konzertmanager, sagt kurz nach deren Tod: „Das wichtigste bei Tamara war, dass sie trotz Popularität niemals Starrummel zugelassen, sich Herz und Schnauze bewahrt hat.“ Sie hat sich den billigsten Fichtensarg gewünscht und kein großen Brimborium. Das ist zu kriegen, das andere nicht. Ihre Forschheit in Talkshows, wo sie so schön berlinern konnte, täuscht. Darin sind sich die Meisten die engen Freunde von damals noch heute einig.

Sensibel, nicht zerbrechlich

Eher ist die Frontfrau empfindlich und zurückhaltend, manchmal sogar misstrauisch. Ihre Stimme ist immer klar und laut. Wenn man hinhört, möchte man meinen, dass die Sängerin keine der leisen Töne ist. Die Texte sagen etwas anderes, die Bilder von ihr sowieso. In viel zu engen Jeans und mit einem zu großen T-Shirt steht an diesem Samstag eine Frau am Grab. Ihr Blick ist klar. Die braunen Augen sagen: Lasst mich einen Augenblick in Ruhe.

Die Sängerin gilt als Ikone der DDR-Rockmusik. Warst ein guter Geist

Helga Jansen, 49, aus Cottbus-Sassendorf, legt eine langstielige Rose auf den Boden vor dem Grabstein. Ein Hauch von Unsicherheit überkommt die Mutter zweier Töchter dann doch, als sie einen Zettel auf das Grab legt. Den hat sie vorher aus einem blauen Notizblock gerissen und in ihrem grünen, 12 Jahre alten VW-Golf auf das Papier geschrieben: „Warst ein guter Geist, Tamara. Vergiss´ uns nicht!“ Es ist wie im Film: Ein Windstoß nimmt den Zettel mit. Beides ist ungewöhnlich. Wie sollte es bei der Danz anders sein?

Der Fotograf

Der Fotograf Böhme hat selber keine gewöhnliche Biografie. Noch Anfang der Neunziger erlebt Böhme hautnah das Elend der Welt. Krisenregionen sind seine Einsatzorte als Dokumentar des Grauens. Allein seine drei Reisen ins ostafrikanische Somalia 1992 zeigen ihm, was wirklich Hunger, Gewalt und Tod bedeuten. Siad Barre wendet sich von der Sowjetunion ab und den USA zu. In Somalia ist er ein Diktator. Das Land 1992 inzwischen ohne anerkannte Regierung erlebt das Chaos. „Irgendwann war für mich die Grenze der Belastbarkeit erreicht“, berichtet der Fotoreporter zögernd. Dann kommt die „Promischiene“.

Sucher nach der Wahrheit

Der SFB sendet 1993 noch seine entsetzlichen Bilder aus Somalia im Fernsehen. Die Bekannten und Berühmten Berlins kommen fortan zu ihm, kooperativ. Sie fühlten sich sicher bei einem wie ihm, dem Sucher nach der Wahrheit, für den bloße Prominenz in dieser Welt einfach nicht mehr wichtig sein konnte.

Im Hamburger Bauer-Verlag, einem großen, roten Ziegelbau, ist ein Projekt angedacht worden: „Spurensuche“. Thomas Böhme macht Vorschläge. Wer lässt sich porträtieren? Seine Liste ist lang. Viele Ideen hat er. Die Zeitungsmacher an der Elbe wollen großformatige Fotos bekannter Leute veröffentlichen: „In den Gesichtern muss etwas zu lesen sein“. Wenig Text, denn ein Bild sagt mehr als 1000 Worte.

Mehr als ein Projekt

Auf Thomas Böhmes Liste steht der Name Tamara Danz. Die Frau in ihrer 3-Zimmer-Wohnung hoch über dem Berliner Gendarmenmarkt ist beim ersten Treffen mit dem Fotografen von der Idee nicht sonderlich begeistert. Dass sie 1994 sich überhaupt auf das Gespräch einlässt, kann sich Thomas Böhme schwer erklären. Doch die Erlösung für den Fotografen folgt mit dem Danz-Satz: „Na, kann man ja mal probieren!“ Da erst sieht er sich um. Er sitzt in einer karg eingerichteten Wohnung, in der im Wohnzimmer eine Musikanlage aufgebaut steht, Keyboard, Lautsprecher, in der Ecke die Gitarre. Eine Jalousie dient als Tür zur Küche. Ein Stuhl, eine braune Couch – so wohnt Tamara Danz. In der großen Wohnküche spielt sich das andere Leben ab, das ohne Musik.

Groß und stark

So etwas ist möglich. Sie sprechen über das Fotografieren, über die Nähe des Fotografen und die Distanz durch die Technik. Tamara Danz wirkt nicht nur körperlich groß und stark. Thomas Böhme sieht, wie sie wohnt, im „geordnetes Chaos“. So ist das Leben. Hier warten die beiden Monate später auf die Abendsonne. „Zufallsfotos gibt es nicht“. Da kommt dann dieser kleine Moment, in dem die Sonne am späten Nachmittag vom Konzerthaus in die Wohnung fällt. Unten auf dem Gendarmenmarkt bewegen sich Touristen, die das imposante Berlin entdecken wollen. Da wird fotografiert und flaniert. Ein älteres Ehepaar setzt sich auf die Treppe des Konzerthauses und packt Stullen aus.

Ergeben, nicht verlassen

Tamara Danz steht am Fenster, sieht sich das still an und blickt in das Licht. Thomas Böhme weiß nichts von der Krankheit. Wahrscheinlich hat Tamara davon bereits erfahren. Man kann nur mutmaßen. Er kann nichts von ihrer bevorstehenden Odyssee gegen die teuflische Krankheit erahnen: nicht die beiden späteren Operationen, die Kur in Bayern, die Hoffnung auf Rettung durch alternative Behandlungsmethoden, das schmerzstillende Morphium, die Verweigerung der Chemotherapie. Am Fenster genießt die Sängerin aus Thüringen diesen Moment der Wärme, der Stille, der Aufmerksamkeit durch den Fotografen. Das Bild wird zu einem ergreifenden Dokument.

Nah und fern

Beide treffen sich unregelmäßig. Das Verhältnis ist vertraut. So klingelt in Böhmes Kreuzberger Wohnung manchmal das Telefon. Schon kurz danach treffen sich die beiden in der „Distel“, in Berlins Friedrichstraße. Die „Distel“ ist der Treffpunkt für die Bandmitglieder. Heute noch ist es im Vorderbau des Admiralspalastes angesiedelt, ist mit dem Programm „Hurra, Humor ist eingeplant“ 1953 auf Beschluss des Berliner Magistrats gestartet, auf Wunsch „breiter Bevölkerungskreise“. Unten in der Distel befindet sich das Tonstudio von Silly. Harte Arbeit bedeuten das. Tage- und nächtelang wird gespielt, gemischt, geschnitten. Die „Distel“ wurde zum heimlichen Herz des Kabaretts und der Musik der DDR. Über allerlei Themen wird oben in der kleinen Kneipe an den Holztischen geredet, bis Tamara Danz den Fotografen zum Aufbruch mahnt.

Im Blitz

Sie habe jetzt Lust auf Fotos. Sie wolle heim zum Gendarmenmarkt. Das ist nicht weit. Die Anlage mit den Scheinwerfern wird schnell aufgebaut und war im Kofferraum verstaut. Thomas Böhme ist inzwischen mehr als nur ein Fotograf von den vielen dieser großen Stadt, denen wunderbare Bilder ein gutes Auskommen sichern können.

Böhme ist als Person und als Profi nahe dran. Böhme steht etwa in Hoyerswerda ein Stück hinter Tamara Danz auf der Bühne. Vor ihr die tosende, begeisterte Menge, die zum Konzert gekommen ist. Da wird gerockt und mitgesungen. Das ergreift ihn: „So viel Intensität ist Fotografenglück“. So vollkommen erfassen, lässt es sich etwas nur ganz selten. Die Bilder spielen sich in seinem Kopf ab. Im Gesicht von Tamara Danz liest er mehr als andere. Da sind Veränderungen, Sehnsüchte, Haltungen zu erkennen. Das muss er einfangen, sagt er sich, und es gelingt ihm oft, nicht immer.

Leichenfledderei

Kein Wunder, dass Böhme sich nur zu einer kleinen Ausstellung in Potsdam nach dem Tod der Frau mit der Löwenmähne überreden lässt. Fast barsch reagiert Böhme auf die Frage, warum er kommerziell nicht mehr aus den Bildern gemacht hat: „Genügend Leute haben sich doch an der Leichenfledderei beteiligt.“ Man fragt besser nicht nach. Doch: „Meine Bilder von Tamara Danz sind etwas ganz Besonderes.“

Ich kann nicht so leichtfertig damit umgehen. Es fällt ihm schwer, die Aufnahmen für die Ausstellung im Potsdamer „Waldschlößchen“ auszuwählen. Ihm gelingt eine fulminante Auswahl. Die Skrupel bleiben. Womöglich sind am Ende Tausende da gewesen, um sich Tamara „ganz nah“ anzusehen. Irgendwann telefonieren die beiden nicht mehr miteinander. Aus dem Hörer in Böhmes Kreuzberger Wohnung kommt nicht mehr die Stimme: „Hallo, hier ist Tamara!“. Es gab nie einen Abschluss des Fotoprojektes. Beide sind stets in dem Bewusstsein auseinander gegangen, die Treffen würden weiter stattfinden: „Ich glaube, sie wollte in Erinnerung bleiben.“

Sterben in Münchehofe

Dann kommt die Nachricht vom Tod der 43 jährigen Ikone. Trotz allem schwärmt Tamara Danz, die sich mehr und mehr zurückziehen muss, so kurz vor dem Tod von der kommenden Silly-Platte. Nichts Wehmütiges schwingt da in ihrer Stimme mit wegen des vorzeitig geraubten Lebens. Dann zieht sie zu ihren Eltern nach Münchehofe, um zu sterben. Die großen und anonymen Berliner Friedhöfe sind ihr zuwider. Sie will ihre letzte Ruhe auf dem Land finden.

Die Frau aus Cottbus, die am Grab in Münchehofe, sagt zum Abschied: „Sie hat stark gelebt, sie ist stark gestorben.“

Mit freundlichem Dank an Thomas Böhme für seine Schilderungen und die Erlaubnis zur Veröffentlichung der Fotos. Copyright Fotos von Tamara Danz: Thomas Böhme, Berlin. Urheberrecht Text: Karl-Heinz Smuda.
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