11.12.2018

Erinnerung an Franca Magnani

 

Wir kannten sie als Kinder. Sie stand im römischen Gewühl und regte sich darüber auf, dass die Italiener mit Kaugummis bezahlen müssten. Es herrschte Streik. Franca Magnani war die erste Auslandskorrespondentin der ARD.

Ich traf sie 1978 im Vatikan. 48 war sie, ich 17. Nervös lief ich am Pförtner vorbei. Die kleine schmale Frau hielt ich nicht für Franca Magnani aus der „Tagesschau“ und den „Römischen Skizzen“. Ich erwartete sie körperlich groß und präsent wie im Fernsehen. Doch eine bescheidene Frau wartete geduldig auf dem Sofa im Foyer des Radios. Das machte sie auf ihre Art noch größer.

Heimweh

ErinnerungenBeim späteren abendlichen Spaziergang durch Aachen fühlte sie sich auf dem Katschof im Schatten des Doms an Rom erinnert. In Köln freute sie sich über das entlegene Hotel im Stadtteil Marienburg. Am liebsten aber wollte sie an der belebten Nord-Süd-Fahrt Kölns, der Stadtautobahn, wohnen, wo es laut zuging. In Aachen verlangte sie entschieden „lauwarmes Wasser ohne Gas“. Der Kellner stutzte, als er Franca Magnanis Stimme hörte, in der die Melodien Italiens und der Schweiz mitschwangen. Erkannt hat er sie nicht.

Nachts auf der A4 zwischen Aachen und Köln schimpfte sie im starken Regen über Jugendliche, die sich schwarz ankleideten, schwarz färbten. Sie vermisste sonnige Lebenslust: „Komm´, fahr´ mich nach Italien!“ Wir lachten. Am Mittag wären wir da gewesen. Doch trauten wir beide uns nicht, das Abenteuer der italienischen Reise von der A4 direkt auf uns zu nehmen. Spätestens am Brenner hätten wir uns wieder gefreut.

Rom: Chaos und Wunder

Als ihr Buch „Rom zwischen Chaos und Wunder“ erschien, habe ich verstanden, warum Franca Magnani das Chaos liebte.

Die Liebe aus Florenz erwischte mich 1989 dummerweise in Rom. Franca runtzelte die Stirn und wollte drängend wissen, worauf ich warte. Mama mia! Unversehens saß ich neben ihr im kleinen Fiat, wurde zur Stazione Termini gekarrt und in den Zug nach Firenze gesetzt. Auch das Liebste in der Toskana ließ mich nicht laufen.

In der hübsch gekachtelten Küche in der Nähe des Palazzo Senatorio am römischen Kapitol hatte ich zuvor einen Teller Pasta und ein „Avanti! Avanti!“ vorgesetzt bekommen, um nicht in der Liebe zu verhungern. Dort war es kühl. Sie lebte in der besten aller römischen Lagen durch eine glückliche Fügung in den Sechzigerjahren, bevor die römischen Immobilienpreise nicht nur in der Nähe des Forum Romanums ins Absurde gestiegen waren.

Ziel nicht erreicht

Sie selbst ist nicht mehr dazu gekommen, alle Bücher in ihrer großen Bibliothek zuhause zu katalogisieren, die ihr Mann Valdo Magnani hinterlassen hatte. Franca Magnani starb 1996 an Krebs. Im Deutschlandfunk durfte ich den Nachruf schreiben und sprechen. Aus den Büchern, die wir tauschten, fallen mir stets die vielen Zettel entgegen. Darauf steht, wo sie sei, was ich unbedingt lesen müsse, dass Peter Gays große Biografie über „Freud“ auf dem langen Weg von mir in Köln endlich bei ihr angekommen sei.

Für sie war die Erinnerung das, was zur italienischen Familie gehört.

Franca Magnani und Ignazio Silone

1989 saßen wir mittags in ihrer Wohnung und sprachen über das Geleitwort für ihr Buch „Eine italienische Familie“. Franca Magnani hatte Ignazio Silone gut gekannt: „Kann ich das nehmen?“, und las von dem Mann aus den Abruzzen vor: „Die Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend waren meine einzige Stärke, denn in ihnen lag die moralische und, ich würde sagen, auch religiöse Reserve, mit der ich den Widrigkeiten des Lebens begegnen konnte.“

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