19.05.2024

19. November: Reden zum Volkstrauertag

 

Diese Rede zum Volkstrauertag steht Ihnen zur freien Verfügung. Sollten Sie an irgendeinem Ort am 19. November des Jahres erinnern wollen, dürfen Sie den Text übernehmen.

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde,

gerade in diesen Tagen wird uns bewusst, dass Frieden und Freiheit die Grundlagen jeder menschenwürdigen Existenz sind.

Ich danke Ihnen, dass Sie heute hier sind, damit wir gemeinsam an diesem Volkstrauertag den vielen Kindern, Frauen und Männern gedenken können, die zu Opfern von Krieg und Gewalt geworden sind.

Viele Menschen mussten im Ersten und im Zweiten Weltkrieg viel zu jung sterben, weil Frieden und Freiheit nichts mehr wert waren.

Die beiden Weltkriege sind und bleiben die schlimmsten Zeiten unserer Geschichte, die miteinander verbunden sind. Daran erinnert uns in jedem Jahr zwei Wochen vor dem ersten Adventssonntag eines Jahres der Volkstrauertag. Auch der Volkstrauertag lindert den Schmerz, aber er heilt nicht alle Wunden. Er gibt Orientierung.

Die Erinnerung bietet Trost an. Doch löst sie wichtige Fragen aus, deren Antworten zu Haltungen werden müssen.

Rede zur Erinnerung an Krieg und Frieden Deshalb brauchen wir den Volkstrauertag.

Wie konnte das alles geschehen? Was können wir für Frieden und Freiheit tun? Der Volkstrauertag ist der Tag für unsere Fragen, denen wir uns gemeinsam stellen müssen. Der Volkstrauertag ist ein staatlicher Feiertag. Er ist ein Tag, an dem wir gemeinsam zurückblicken, um nach vorn schauen zu können.

Deshalb bin ich dankbar dafür, dass wir uns hier so zahlreich versammelt haben.

Wir müssen uns mit dem Blick in die Vergangenheit jederzeit fragen können:

Tun wir genug, und tun wir vor allem das Richtige, um Krieg, Gewalt und Terror heute und künftig zu verhindern?

Erkennen wir tatsächlich rechtzeitig, ob sich irgendwo neue Konflikte anbahnen, und wählen wir immer den Weg, um so schnell wie möglich wieder den Frieden in Freiheit herzustellen, den die Welt braucht?

Wir müssen zugeben, dass die Weltgemeinschaft oftmals wegschaut, solange es keine breite Öffentlichkeit gibt, die aufgewühlt fragt: Weshalb greift keiner ein? Dauern politische Diskussionen auf der Weltbühne nicht zu lange, gibt es nicht zu viele verschiedene Interessen, die aufeinanderprallen, während Menschen ohne Hilfe sterben müssen?

Blicken wir zurück und ziehen wir Bilanz: Der Volkstrauertag ist die einzige positive Kriegsfolge, weil er an uns alle appelliert, nicht und niemals zu vergessen, uns auffordert, dass wir uns erinnern und als Menschen Mitgefühl denen gegenüber zu zeigen, die oftmals in der Fremde einsam hungerten, litten und starben.

… Hungern, leiden und sterben.

Der Volkstrauertag muss uns daran erinnern, dass wir eine Haltung brauchen, um Geschichte für die größtmögliche Menschlichkeit, für den Frieden und die Freiheit zu verstehen.

Frieden und Freiheit braucht jedes Wesen auf der Welt. Wir tragen deshalb grundsätzlich Verantwortung in uns, auch wenn wir nicht überall helfen können.

Was uns dabei bewegt, darf niemals distanziert sein. Die unmenschliche Frage ist die: Was geht mich das an? Das eigene Verbot dieser Frage in sich selbst gilt nicht nur für internationale Konflikte, sondern auch für das Miteinander in Gemeinden und Städten.

Viele Auseinandersetzungen sind unnötig und mit gesundem Menschenverstand bald nicht mehr erklärbar. Im Kleinen erkennen wir das Große, das Wichtige für uns selbst.

Deshalb ist es wichtig, immer an die Einzelnen zu denken, an die, die gelitten haben, weil der Volkstrauertag von dort aus denkt.

Mütter warteten im Ersten und Zweiten Weltkrieg und oftmals zwischen und nach diesen schrecklichen Zeiten voller Hoffnung noch lange Jahre lang auf die erlösenden Nachrichten, dass ihre Ehemänner und Sohne heimkämen, dass Wunder geschähen, die ausblieben. Aber es gab sie auch, selten, aber es gab sie.

Was den Allermeisten blieb, waren letzte Briefe von den Fronten, aus den unvorstellbar grausamen Lagern und kalten Gefängnissen, geschrieben in kalten, dunklen Nächten von den Opfern – voller Liebe denen gegenüber, die warten sollten. Es werde alles gut, und es wurde nichts gut, bis heute nicht.

Was also ist der Mensch ohne den Menschen? Was ist der Mensch ohne seine Erinnerung daran, wie wichtig der andere Mensch für ihn ist, weil er daran denken muss, dass das, was Anderen widerfahren ist, ihn genauso schlecht treffen kann?

Der Satz, der sich zum Beispiel nach dem 8. Mai 1945 verbreitet hat, wir sind noch einmal davongekommen, war gerade für Familienangehörige schlimm, denn sie haben sich trotzdem schuldig, zurückgelassen und einsam gefühlt. Kriege traumatisieren Generationen.

Der Zweite Weltkrieg war damit nicht im späten Frühling vor 70 Jahren vorbei, sondern wirkt heute nach über die letzten lebenden Kinder der Kriegsopfer hinaus nach.

Wer jemals einen Krieg erlebt hat, ist nicht einfach so davongekommen, sondern musste sein Leben womöglich allein meistern, fühlte sich zum Schweigen verpflichtet, um seinen eigenen Kindern das bewusste und alarmierbare Leben zu schenken, auf das wir fast alle stolz sein können, weil wir dadurch zu tatkräftigen Demokraten geworden sind, die ihre Grenzen gefunden haben, wir unsere Abgrenzungen besonders den vielen dummen und dumpfen Radikalen vornehmen können, die uns in Katastrophen führen werden.

Wir sind mündig geworden, weil wir die Welt in Echtzeit erleben, wir Gräueltaten sehen, über sie lesen und von ihnen hören, Berichte und Meinungen unterscheiden können.

Wer auf diese Weise klug sein will, ist reichlich dumm. Wer zum Beispiel von der „Lügenpresse“ spricht, von der Gleichschaltung der Medien wie einst bei den Nationalsozialisten, hat nichts von der Dimension der Unmenschlichkeit verstanden.

Unverständlich nah liegt offenbar der Nazi-Vergleich. Er ist fahrlässig, weil das eine mit dem anderen niemals verglichen werden kann, und wer liest, hört, sieht, diskutiert, darf sich eine Meinung bilden, was sein gutes, sein ehrenwertes Recht ist, sich aber nicht zu Kurzschlüssen hinreißen lassen, und falls die Gefahr besteht, ertappt zu werden, wird es laut und brutal, wird geschlagen und getreten, werden demokratische Errungenschaften wie die Meinungsfreiheit infrage gestellt. Der Mob macht sich zum Warner, schlägt Journalisten, jagt Hilfesuchende.

In solch einer Welt wollen wir nicht leben. Die gab es in der Nazizeit. Und es gab Menschen, die diesen Unsinn und diese Unmenschlichkeit geglaubt und erlaubt haben. Aus dem Rinnsal wurde ein Fluss, der Opfer gemacht hat.

Nur die Opfer liefern uns die wichtigen Erinnerungen, weil sie sich nicht rechtfertigen müssen und es nicht wie viele Täter versucht haben.

Wir müssen solche Haltungen an unsere Kinder weitergeben, und die wiederum an deren Mädchen und Jungen, unsere Enkel und deren Kinder.

Nur so heilen Wunden nie.

Wir erinnern uns an Zahlen, die uns wegen ihrer Dimensionen erschaudern lassen: Der Erste Weltkrieg forderte weltweit 17 Millionen, der Zweite Weltkrieg mit seinen Kriegsfolgen vermutlich 80 Millionen Menschenleben. Die Schilderung eines einzigen Opfers kann uns mehr rühren als eine Zahl.

Wie kann es sein, dass wir trotzdem Aufmärsche, Wutbürger oder sogar Schlampigkeiten bei der Benennung zum Beispiel von Orten des Todes, der Schlachtfelder erleben?

In jeder scheinbaren Kleinigkeit steckt die Gefahr des Vergessenwollens und die der falschen Einordnung.

Wir nehmen uns keine Zeit mehr, sprechen schlicht vom KZ statt vom Konzentrationslager wie von einem Kennzeichen, unterscheiden mit unterschiedlichen Gefühlen Opfergruppen, obwohl das ganz und gar unzulässig sein muss, weil jeder Verwundete und Tote einen Vater, eine Mutter hatte, etwas, woran er sich festhalten konnte, seinen Glauben, seine politische Orientierung als Gegner von Regimen oder schlicht gegenüber einem anderen Menschen, mit dem es die tiefe persönliche Verbundenheit gab.

Der Sympathisant wurde deportiert und der Freund eines Freundes erschlagen, vergast, verbrannt.

Die Antwort lautet „Ja“ zum Volkstrauertag, weil wir als Menschen leider in der Lage sind, vergessen können, was uns angetan wurde und was wir als Deutsche angerichtet haben.

Ich bin sehr froh, dass niemand die Frage stellt, ob wir den Volkstrauertag brauchen. Dennoch geben wir die Antwort, sonst hätten wir uns hier nicht versammelt.

Dahinter steht stets unser gemeinsames und tiefe Bedürfnis, endlich und für immer in Frieden leben zu dürfen, und wir haben in Westdeutschland seit 1945 Glück gehabt, nicht wieder in Diktaturen gelebt zu haben. In der DDR war das bis 1989 anders. Auch das dürfen wir als Kriegsfolge nicht vergessen.

Um das also geht es für die grenzenlose Zukunft.

Ich erinnere, weil das nötig ist. Gleichwohl weiß ich, dass wir alle seit Kindesbeinen gelernt und eingesehen haben, dass das sein muss.

Wir gedenken der gefallenen Soldaten und der getöteten Zivilisten. Wir erinnern an Menschen, die in der Gefangenschaft oder auf der Flucht umkamen. Wir gedenken der Männer und Frauen, die ihren Widerstand gegen die Diktatur mit ihrem Leben büßen mussten. Wir erinnern an Mitbürgerinnen und Mitbürger, eigene Vorfahren, die verfolgt und vernichtet wurden, weil sie als Juden oder Mitglieder ethnischer Minderheiten nicht in das rassistische Bild der Nazis passten. Wir erinnern uns ebenso an Ausgebürgerte, die entwurzelt wurden.

Auch jetzt, während wir uns zu einer stillen Stunde des Innehaltens, der Trauer und des Erinnerns versammelt haben, kämpfen woanders Menschen um ihr Leben oder sind in ihrer Freiheit bedroht, ob in Syrien oder irgendwo in den Weiten Afrikas. Die Frage nach Krieg und Frieden ist aktuell geblieben, und der Krieg, alle Konflikte dieser Welt, werden uns jeden Abend frei Haus nicht nur mit der „Tagesschau“ ins Wohnzimmer geliefert.

Flüchtlingsströme aus aller Welt sind unterwegs und machen deutlich: Frieden gibt es noch lange nicht.

Wir sind gefordert und überfordert. Die Erinnerung und das Mitgefühl dürfen deshalb nicht ausgelöscht werden, weil alles andere der Rückzug in die Bequemlichkeit wäre.

Liebe Anwesenden!

Uns führt heute die Trauer zusammen, verbunden mit dem Bestreben, die Opfer vor dem Vergessen zu bewahren – und uns selbst, um unsere Zukunft zu sichern. Wenn niemand mehr an die Opfer denkt, sind sie endgültig tot und wir könnten selbst zu welchen werden.

Der Volkstrauertag fragt danach, welche Schlüsse sich aus der Vergangenheit ziehen lassen. Er fragt auch nach, wo wir heute stehen und welche Werte uns lebenswichtig sind.

Fast alle aktuellen Konflikte und Gewaltausbrüche unserer Zeit tragen sich in Ländern und Regionen zu, die weit entfernt von uns liegen.

Wir sind längst betroffen.

Seit mehr als Jahren beteiligt sich Deutschland an internationalen Einsätzen. Dieser Zeitraum ist länger, als die Zeiträume der beiden Weltkriege des vorigen Jahrhunderts zusammen gedauert haben.

Wenn wir Soldatinnen und Soldaten in Krisengebiete schicken, sind wir es ihnen schuldig, dass sich unsere Gesellschaft mit ihrer Lage und ihrem Auftrag auseinandersetzt. Ebenso müssen wir uns der Tatsache stellen, dass sie ganz persönlich als unsere Landsleute tot, verletzt oder traumatisiert zurückkehren.

Soldatinnen und Soldaten sind Menschen, die mit Ängsten abreisen und mit der Hoffnung zurückkehren, dass sie Gutes für uns und die Menschheit getan haben.

Ich danke Ihnen, dass Sie heute hier sind, damit wir gemeinsam an diesem Volkstrauertag den vielen Kindern, Frauen und Männern gedenken können, die zu Opfern von Krieg und Gewalt geworden sind. Und wir wünschen uns, dass diese Welt in Frieden leben kann.

Was immer das nun für uns persönlich in unserer kleinen, großen Welt in diesen Wochen, Monaten, Jahren bedeuten mag: Wir dürfen nicht vergessen, dass wir Grund haben, uns große Sorgen zu machen.

Die Erinnerung an die beiden Weltkriege hat uns aufzurütteln. Sie ist wie das Licht auf einem Leuchtturm, das wir suchen, finden und im Auge behalten, wenn wir unsere Ufer haben.

Wir werden uns schließlich selbst daran messen lassen müssen, was wir verhindern wollten und verhindern konnten: hier und andernorts.

Und wir werden uns vor uns selbst und gegenüber unseren Nachfahren rechtfertigen müssen, ob wir das Elend Anderer wenigstens verstanden haben, um es zu lindern oder zu beseitigen.

Der Volkstrauertag schafft mit seiner Erinnerungskultur die Grundlage fürs Verständnis, für Scham und das tiefe Gefühl, durch Achtsamkeit und Umsicht sühnen zu dürfen.

Das Verständnis, das wir uns selbst schaffen und immer wieder erneuen, ist der Weg in unsere friedvolle, freie Zukunft.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, und ich wünsche uns allen den Frieden und die Freiheit, die wir uns hier in Deutschland und Europa geschaffen und bewahrt haben.

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