18.03.2019

Helena Bohle-Szacki, walk on, walk on, with hope in your heart

 
Nachruf auf Helena

Walk on, Helena …

http://www.youtube.com/watch?v=gEpKhYeXXr4

Helena Bohle-Szacki ist tot. Wenn man etwas falsch machen will, fängt man so formal an. Willst Du das wirklich so lesen?

Einzig gilt doch: Sie war eine bedeutende Künstlerin. Zu Recht warst Du die Grande Dame der polnischen Kunstszene in Berlin. Das gefiel Dir sicher mit Understatement.

Ja, aber noch viel mehr: Sie war ein entschiedener Mensch, mit den Augen der Loren, dem feinen Geruch der Eleganz und der Geschichte, die Menschen stark macht, weil Weisheit Glück ist. Sapienti sat est.

1928 in Bialystock geboren, stamme sie aus einer deutsch-polnisch-jüdischen Familie. Von der Gestapo verhaftet und deportiert, musste sie Zwangsarbeit leisten

Helena, ich warte wieder: mit Rosen in der Hand, dem Taxi vor der Tür, als Galan, ein paar wenige Jahre jünger und mit einem gemeinsamen riesengroßen Zimmer in meinem Herzen.

Kicher nur …

Hier hattest Du fein toupiertes Haar, die langen Kette, die hübschen Kleider, die Ringe, die feinen Finger und den Blick einer Debütantin. Und wie natürlich Deinen kleinen Hofstaat, der Dir treu war wie Du ihm.

Du mochtest nicht jeden. Es gibt hübsche Sätze, die ich besser nicht erzähle. Wenn Du aber jemanden mochtest, dann für immer und ewig. Ewig? Ich muss folgen. Gib mit etwas Zeit.

Deshalb womöglich bist Du tot, weil Dein Herz nach dem Operationsleid eine Weile noch, am Ende dann doch nicht genug Kraft hatte. Daran lag es.

Böll schrieb ein Gedicht über die Muse an der Ecke, die dann schenkt, wenn sie glücklich ist. Böll beklagte, selten habe er die Muse glücklich gesehen.

Ich verstehe die Ernsthaftigkeit der und vor allem dieses Künstlers sehr gut. Du hast es Dir und Anderen auch nicht leicht gemacht, warst aber die Muse … Glücklich wurden nicht immer zuerst die Anderen, weil Dein Gespür für die Feinheit so genau war wie der Blick auf die Verästelungen eines Baumes, der sich müht, gerade zu stehen, dem Winter zu trotzen, den Sommer zu lieben, den Herbst als Glück zu empfinden, wenn er dem insgeheim knorrigen Baum Pracht bringt.

Das überlagert doch wieder wirklich alles: wie immer. Schade im Moment, aber ich finde Dich.

Aber man muss das Lied (Link oben) wirklich laut spielen, den Text beachten und mitsingen.

Du hast darauf geachtet: Dein Alter hat Du niemals genannt, große Frau. Was hat uns das geschert? Deshalb behalte ich es für mich. Und Dich in meinem Kopf und in meinem Herzen.

Heute Abend saß ich auf dem Sofa und schaute hoch. Ich musste mich nicht anstrengen, um die Nähe des Himmels zu finden. Na,  Helena, den haben wir schon gespürt, als Du da warst. Lächel´ nicht wieder mild. Genieß diesen Satz, atme stark und zufrieden die klare Luft unseres Himmels  – und denke an einen der Bäume, die Du morgen in voller Pracht malen wirst. Das Zeitgefühl könnte anders sein als bei uns Zurückgelassenen.

Warte noch Deinen Augenblick auf mich, Goscha und Niels.

Soll ich weinen? I wo. Bist ja da, meine Helena, meine.

You´ll never walk alone. Das Lied habe ich zufällig bei der BBC entdeckt. Ich werde Dich ebenso finden … wie damals vor zehn Jahren.

Schön, haben die das für Dich und über Dich geschrieben. Du freust Dich, ich weiß doch.

http://www.tagesspiegel.de/berlin/nachrufe/helena-bohle-szacki-geb-1928/4673472.html

Quelle. Biografisches aus einem Beitrag der renommierten Berliner Geschichtswerkstatt (2011):

„Helena Bohle-Szacki wurde im ostpolnischen Białystok geboren. Ihre Mutter entstammte einer assimilierten jüdischen Familie aus Łódź.

Ihr Vater kam aus einer baltendeutschen Familie. Beide verstanden sich als Polen.

1941 besetzte die Wehrmacht das nach dem Hitler-Stalin-Pakt der Roten Armee überlassene Białystok. Die Judenverfolgung begann. Die jüdische Bevölkerung wurde in einem Ghetto konzentriert.

Helenas Halbschwester wurde ermordet. Ihre Mutter überlebte illegal in der elterlichen Wohnung. 1944 wurde die 16-jährige Helena verhaftet und als „halbjüdisch“ und „asozial“ in das Frauen-KZ Ravensbrück verbracht. Dort änderte man aber ihre Häftlingszuordnung. Nun galt sie als „Politische“ und wurde zur Zwangsarbeit in das KZ-Außenlager Helmbrechts überstellt, wo die Nürnberger Kabelfabrik Neumeyer ihre Arbeitskraft ausbeutete. Sie schloss Freundschaft mit einer Häftlingsgruppe aus Łódź – und begann zu zeichnen.

Nach dem Todesmarsch und der Befreiung im böhmischen Falkenau-Zwodau kehrte Helena Bohle-Szacki nach Polen zurück, wo sich bald eine kommunistische Diktatur etablierte, der 1950 ihr geliebter Vater zum Opfer fiel. Helena ließ sich in Łódź nieder, begann ein Kunststudium und arbeitete dann als Modedesignerin und Hochschullehrerin in Łódź und Warschau. 1968 verließ sie wegen der antisemitischen Kampagnen der polnischen Kommunisten das Land und zog nach West-Berlin.

Dort lebte sie seither mit deutscher und seit Ende der 1980er Jahre auch polnischer Staatsbürgerschaft. Neben ihrer Tätigkeit in der Modebranche arbeitete Helena Bohle-Szacki als Künstlerin und Dozentin.“