17.12.2018

Ansicht. Wie lerne ich schreiben?

 

Angeboten werden zahlreiche Seminare für Autoren. Dort wird die Frage nach dem Wie beantwortet, und ist der Seminarleiter erfahren, dann wird er der Phantasie großen Raum lassen und nicht allen Teilnehmern vorschreiben, wie ein Roman geschrieben werden muss.

Eindimensional lässt sich auch lernen.

Schreiben lernenZum Schreiben gehört die Freiheit, sich und sein Werk interessant zu machen. Wer gewinnend schreiben will, muss sein Handwerk beherrschen. Dazu gehört die Fähigkeit, sich gegenüber selbst Distanz zu wahren, Formuliertes über Nacht liegen zu lassen, kritisch wieder an den Text zu gehen, der begutachtet werden muss, als sei er von einem anderen Autor.

Überflüssiges wird dann gestrichen. Dialoge, die gestern noch interessant waren, werden überprüft: Sprechen Menschen wirklich so miteinander, wenn sie in der Schlange an der Kasse oder im halligen Flur stehen? Ach ja: Und der Alltag gehört zu jedem Roman, so, wie das tägliche Leben uns zwischen Aufwachen und Einschlafen im Griff hat.

Die Lebenswelten neben den zentralen Ereignissen sind durchaus spannend, zum Beispiel, wenn Menschen sich in U-Bahnen setzen, abschalten bis zur Zielstation, beobachten, sich klein machen wegen des dicken Mannes neben ihnen auf der Sitzbank, entfliehen wollen mit dem schweifenden Blick durchs Fenster auf dunkle Wände. Alles das passiert dort unten in den Tunneln.

Dialoge. Es ist mit Übung nicht schwer, Dialoge laut zu lesen und sich zu fragen, wie man sich selbst fühlte, wenn jemand gedrechselt im wirklichen Leben so mit mir spräche.

Was aber ist mit dem Talent? Das ist eng verbunden mit der Persönlichkeit des Autors. Zum Talent gehört die Freiheit, ohne Scheu zu schreiben. Es muss auferlegte Grenzen geben, die Rücksicht auf den Leser, auf sich selbst.

Das bedeutet nicht, die Freiheit und also auch das Ungestüme nicht in Anspruch zu nehmen, sondern Umwege zu gehen, notfalls mit Andeutungen zu arbeiten, mit der eigenen Ratlosigkeit, wie Mann oder Frau Heikles am besten beschreiben kann. Doch steht stets die Einsicht dahinter zu wissen, dass alle Leser verstehen werden, was gemeint ist. Das wissen die doch? Ich hielte das für Arroganz, wenn ein Autor sich über alles stellte und tatsächlich Unverständliches zu Papier bringt, es verteidigt mit dem Argument, nicht einmal der Kritiker habe verstanden … Wer klug sein will, ist dumm. Wer schlau , also findig und kreativ ist, der schreibt gut. Alles eine Frage der Mühe.

Gratwanderungen sind schöne Herausforderungen, zu denen Mut, Findigkeit, sicher auch Abgefeimtheit gehören, die, entdeckt, dem Leser Vergnügen bereiten. Plakatives lässt Leser gähnen, die nicht herausgefordert werden, sich kaum eine Meinung bilden können, sich fühlen, als würden sie gefragt werden: Hast Du das denn verstanden? Widerspruch sei zwecklos. Der Leser wird gegängelt, also schlecht behandelt. Jedoch liegt in seinen Händen die Macht, das Buch zusammenzuklappen, es wegzulegen, schlimmstenfalls fortzuwerfen.

Keine Strafe ist für den Autor schlimmer als diese.

Es ist keine Kunst, die Hilflosigkeit auf Protagonisten zu übertragen, wenn es um sittliche oder religiöse Gefühle geht, zum Beispiel. Wenn ich sicher bin beim Schreiben, nicht aber bei der Wahl des richtigen Weges, lasse ich den Leser entscheiden. Es gibt Autoren, die Abscheuliches schreiben, das auch noch wie Krähen verteidigen, und schnell mag man ihr Werk und schon gar nicht sie nicht mehr.

Der Mensch ist mündig, und wenn man ihm erklären will, was im Ratgeber zum Beispiel Glück bedeutet, dann steckt womöglich der Verdacht dahinter, dass der Autor dem Leser die Welt erklären will. Das Schreiben ist eine exklusive Herausforderung, eine individuelle, die lehrreich sein kann, auch abschreckend. Das Abweisende hilft indessen dem, der seinen eigenen Weg finden kann. Als Autor muss man nicht geliebt, sondern beachtet werden wollen bis zur letzten Seite des Manuskripts oder des Buchs. Dazu gehören Mut und Lebenserfahrung, Übung und die Kenntnis des Handwerks.

Strenge Qualitätskriterien für das gute Schreiben, meine ich, gibt es nicht.

Verlage denken in Genres und mit der kaufmännischen Erfahrung, was verkauft werden kann. Kein Werk wird wissentlich veröffentlicht, wenn es einen Verlag ruinieren kann.

Ich werde nicht müde, das zu betonen: Private Biografien finden kaum einen Markt. Es sei denn, die Autorinnen und Autoren wenden sich an Verlage, die viel Geld für die Veröffentlichung verlangen.

Und selbst dann: Wer kauft das Werk, das mit dem Geburtsdatum beginnt und das Leben als unruhigen Fluss darstellt, die Schicksalsschläge, die freudigen Momente, die Reisen und die Liebe?

Sieben Milliarden Menschen haben ihre eigene Lebensgeschichte, keine ist schlechter, keine besser, oft nur schlecht erzählt. Das aber ist die Einsicht, die Autoren hilft, das Leben so zu beschreiben, dass es einmalig zu sein scheint oder vergleichbar, damit anderswo Einsichten entstehen. Man lernt vom Menschen. Kaum etwas ist so interessant wie der Mensch.

Der gute Erzähler ist immer interessant und muss sich ständig fragen, ob er seine Leser nicht langweilen könnte. Erlaubt ist die Ich-Form wie auch die distanzierte, also die Profilierung einer scheinbar fiktiven Person.

Erlaubt ist alles, nur die fehlerhafte Rechtschreibung nicht. Hier helfen Korrektoren und Lektoren. Wenn die Geschichte großartig ist, wird sie nicht deshalb beseitigt werden dürfen, weil Kommas/Kommata fehlen. Das wäre absurd.

Wann schreibe ich gut? Ich selbst erinnere mich gut an private Begegnungen zum Beispiel mit dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der zu Beginn erzählter Geschichten fragte: Wollen Sie mich langweilen? Selbst die Tristesse ist interessant, wenn sie gut erzählt wird. Die einfache Frage eröffnet, wie hoch der Anspruch an gute Geschichten ist. Haben Sie als Leser nicht schon Bücher zur Seite gelegt, weil sie nach wenigen Seiten wussten, dass Sie sich der Ödnis der fehlenden Phantasie des Autors, der Autorin, nicht weiter aussetzen wollten, weder Stimmungen noch Zeiten aufnehmen konnten, Abhandlungen lesen würden, die die Augen und das Gemüt ermüdeten wie schlechte Filme mit hölzernen Schauspielern, absonderlichen inhaltlichen Sprüngen, Schnitt- und Beleuchtungsfehlern.

Hier helfen in der Tat Schreibseminare, Lektoren und Manuskriptberater. Zum Schreiben gehören die Selbstkritik und die Unermüdlichkeit, lernen und ausprobieren zu wollen, der Mut, Schlechtes zu streichen und Gutes zu optimieren. Erschöpfung und Freude sind Begleiter. Deshalb ist gutes Schreiben eng mit Schreiberfahrung verbunden, auch mit Lebenserfahrung. Wer schreiben will, soll beginnen und scheitern, lernen, nicht aufgeben, nachfragen, vergleichen. Das Thema allein reicht nicht.

Schreiben lässt sich erlernen. Nur ist das nicht alles, um gut genug zu sein.

 

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