17.12.2018

Essay. Wie lange schreibt man an einem Roman?

 

Diese Frage wird mir als Lektor und Ghostwriter auffallend oft gestellt. Jedes Mal kann ich keine Antwort geben.

Ich verstehe, was gemeint ist: Wie groß ist die Last, die ich auf mich nehme? Auf diese Frage antworte ich gern: Sie ist groß, sehr groß. Zur Arbeit gehören Disziplin und Fleiß. Romane leben mit Details auf. Tausende müssen einfließen.

Dabei geht es nicht allein um Beschreibungen von Umgebungen, ebenfalls um Bewegungen, sprachliche Eigenarten, dem Einfall von Licht, der Gestaltung von Fluren und Zimmern. Die Geschichte verbindet alles miteinander.

Denke ich an meine zahlreichen eigenen Bücher als Ghostwriter, veranschlage ich für die Arbeit mindestens vier Monate Zeit, arbeite täglich 12 Stunden, sieben Tage lang. Dazu gehören Leidenschaft und Strategien, nicht erschöpft zu sein und nicht aufzugeben. Das wäre ein Desaster und das Ende der eigenen Professionalität.

Roman schreibenWas imposant klingen mag, kann an manchen Tagen bedeuten, dass ich mich vor der Arbeit fürchte, den Computer meide, nach einem Ausgleich suche, um 24, 48 oder 72 Stunden später besser arbeiten zu können. Auftraggeber warten, und ich weihe sie sehr schnell in meine Arbeitsweise ein. Probleme gibt es miteinander nicht. Es muss miteinander gesprochen werden.

Doch: Wer nach einem Ghostwriter gerufen hat, kennt die Schwierigkeiten, weil die ersten Einsätze als Autorin bzw. Autor des eigenen Buchmanuskripts zu sehr herausfordernd waren. Die Idee ist geblieben. Mit der Leidenschaft dafür wird ersatzweise ein hilfreicher, ein professioneller Autor herangezogen, der mit Distanz und Leidenschaft an die Arbeit geht. Deshalb ist dieser Beruf redlich.

Es hat sich viel geändert. Es ist beim Schreiben nötig, noch einmal genau hinzuschauen. Wie sahen 1991 Telefonzellen in der Schweiz aus? Welche Formen und Farben hatten die Modelle vom „Ford Capri“? Gute Autoren denken in vielen kleinen Schritten, und jede Etappe muss tiefgehend ausgestaltet werden. Ohne Recherche lässt sich kaum gut schreiben.

Aus eigener Erfahrung weiß ich: Es gibt Momente der Müdigkeit. Wer ständig konzentriert arbeitet, bekommt Probleme mit der Konzentration. Also gehört zur Planung unbedingt ein Arbeitsplan.

An den „Buddenbrooks“ hat Thomas Mann drei Jahre lang gearbeitet. Er gab sich ein tägliches Pensum auf, und aus den Biografien weiß man, dass er vielen anderen Verpflichtungen nachkam. Dennoch konnte der große Familienroman 1901 erscheinen.

In meiner Praxis war ich hin und wieder mit der Frage konfrontiert: Wie schreibt man einen Roman an einem Wochenende? Sie haben Verständnis dafür, dass ich dann sagen muss: am besten gar nicht. Es entzieht sich nicht meiner Vorstellungswelt, dass das möglich ist, und nicht der Phantasie, dass Liebhaber von Romanen enttäuscht sein werden: Oberflächlich lässt sich alles schreiben und beschreiben. Doch müssen Autoren fleißig sein, dürfen sich nicht unter Druck setzen, müssen ihr Thema lieben und dürfen nicht danach streben, einfach schnell fertig zu sein, um sagen zu können: Ach ja, ich habe auch ein Buchmanuskript geschrieben …

Wie lange schreibt man an einem Roman? Solange das nötig ist. Doch diese Antwort ist heikel. Perfektionisten werden niemals fertig. Deshalb muss es einen Moment für den Abschluss geben. Dann tritt der Lektor in Erscheinung, als erster fremder Leser, mit konstruktiven Hinweisen.

Wie soll es weitergehen? Autoren geben sich einen Ruck und arbeiten das ein, was der Lektor anregt. Ich selbst spreche ab: Soll ich das übernehmen? Mit Ihrer Sprachform für Übergänge? Ist es nötig, den Aufbau neu zu gestalten? Dafür verwende ich das Beispiel vom Haus. Es gäbe viele gute Bausteine. Die könnten anders miteinander verbunden werden, damit das Haus interessanter aussieht. Den Mörtel bilden kurze Übergänge, die ich ins Manuskript schreiben. Zuweilen reichen zwei oder drei Sätze aus. Das sind Autorenleistungen. Die Arbeit nenne ich „Lektorat PLUS“.

Auch diese Arbeit kostet Zeit. Wer einen Lektor oder Ghostwriter heranzieht, sollte das beachten. Es handelt sich um Berufe mit einem Einkommen. Oft sind die Honorare für Privatleute schwerlich erschwinglich. Das Lektorat eines Romans kann 2000 Euro und mehr kosten. Es sind mehrere Durchgänge nötig. Am Ende, mit dem Blick zudem auf die Kommunikation, hat die Bearbeitung einer Seite in der Summe eine Stunde lang gedauert. Der Seitenpreis von 13 bis 16 Euro brutto ist aus der Sicht des Lektors niedrig, nicht aber aus der Sicht des Auftraggebers.

Das weiß der Lektor und hat Verständnis dafür, wenn nach einem Angebot Funkstille herrscht oder eine ehrliche Absage auf das Angebot eintrifft.

Aber es geht um ein gutes Buchmanuskript, das zum Buch werden soll. Das ist die Arbeit wert.

 

 

 

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