21.05.2019

Gesprächspartner. textberater.com: das Lektorat

 

Berlin. – textberater.comist ein neues Medien-Portal aus Berlin. Betrieben wird es von zwei sprachlich qualifizierten und journalistisch erfahrenen Publizisten aus Berlin.

textberater.com bietet nicht nur Informationen darüber, was man für die eigene Öffentlichkeitsarbeit wissen muss.

Das Magazin befasst sich kritisch mit Medienereignissen.Interview im Wortlaut:

„Warum Firmen PR-Agenturen engagieren

Profi-Lektor im Interview
“Der Duden hilft Ihnen gar nicht”

Karl Heinz Smuda lebt von gutem Stil, gibt Autoren gerne Hausaufgaben auf und weiß, das gute Texte den Unterschied zwischen Klitsche und Unternehmen ausmachen können. Textberater.com fragte den Lektor nach seinen Berufsgeheimnissen.

Herr Smuda, Sie sind Lektor mit langjähriger Erfahrung. Was und wie arbeitet ein Lektor eigentlich?

Die meisten Autoren suchen einen Lektor, weil ihnen die Distanz zu ihrem Text verloren gegangen sein könnte. Immerhin haben sie jahrelang die Idee, endlich etwas zu schreiben, in sich getragen.

Der Lektor sucht in mehreren Durchgängen nicht nur nach Rechtschreibfehlern, nach nicht immer gut gelungenen Formulierungen und nach unklaren, nicht wirklich bildhaften Beschreibungen. Viele Geschichten müssen besser abgeschlossen werden.

… es ist nicht wie in der Schule, wo die Lehrerin am nächsten Tag die korrigierten Hefte zurück gibt?

Nein, vom Lektor wird jeder Satz auf den Prüfstand gestellt und natürlich das Ganze. Diplom-Arbeiten oder Aufsätze sind Visitenkarten. Bei allem Fleiß soll die schlechte Form keinen Schatten auf das Gute, das Inhaltliche, werfen.

…wie der Lektor arbeitet?

Er hat Nachschlagewerke, eine gute bis sehr gute Allgemeinbildung und lebt mit reichlich Einsamkeit oder Leidenschaft am Computer. Dass man womöglich glaubt, bestimmte Texte wegen der eigenen langjährigen Erfahrung besser schreiben zu können, wäre eine fatale Einstellung.

Im Grunde glaubt man an den Autor. Ich war vor Jahren selbst überrascht, dass mich Themen nicht abschrecken, wenn ich die Intention und Logik verstehe. Intoleranz gegenüber der Esoterik zum Beispiel ist für den Lektor ein wirklich schlechter Berater.

Also treffen Sie auf Autoren mit geringer Schreibroutine?

Das kann sein. Sehen Sie, vor einiger Zeit habe ich ein Kinderbuch bearbeitet. Der ältere Herr wollte seinen drei Nichten ein kleines Büchlein hinterlassen. Er hat über sich, seine Zeit nach dem Krieg geschrieben.

Die Akteure in dem Buch waren Kinder, die trotz des Hungers und der Not viele Abenteuer erlebten. Hier hat mich ein gewaltiges Maß an Fantasie als Leser sehr für dieses Buch eingenommen. Es gab wegen dieser vermeintlich fehlenden Schreib-Routine viel Arbeit für mich als Lektor.

Ausgerechnet daran erinnere ich mich nicht vordergründig. Den 70-jährigen Autor habe ich indessen gebeten, unbedingt weiter zu schreiben, weil ich sicher bin: Beim nächsten Buch wird er diese Schreibroutine haben können – und hoffentlich diesen Sinn für Details, für Stimmungen und Dramatik wieder zeigen, aber besser als je zuvor.

Für Rechtschreibfehler gibt es schließlich den Duden…

Es gibt im Internet-Zeitalter gute Programme. Der Duden gibt sehr viel Freiheit. Man kann ein Komma setzen oder es auch sein lassen. Es ist besser, wenn die einmal getroffene Entscheidung, wie man ein Wort über 100 oder 200 Seiten schreibt, stringent im Text angewendet wird.

Der Duden hilft Ihnen gar nicht, wenn Sätze arg verschachtelt sind. Leser würden unentwegte Verschachtelungen auf 100 oder 200 Seiten sehr bald als unzumutbar betrachten.

Zwar denkt der Lektor immer an die Regeln. Genauso wichtig ist ihm der Leser, damit eine Arbeit nicht unbeachtet bleibt.

Es wäre wirklich schade, wenn ein guter Text die Aufmerksamkeit des Lesers überfordert und dieses Buch am Ende ungelesen und verstaubt in der Ecke gelandet ist. Warum wurde dann geschrieben?

Auch für Kunden, die ihre Texte hauptsächlich online präsentieren wollen, stellt sich die Frage, wozu sie einen Lektor beauftragen sollten. Schließlich findet Google einen Text auch dann, wenn die Wörter falsch geschrieben sind.

Einfache Antwort: Dann ist man auf der Webseite, rauft sich die Haare, weil ein Unternehmen für das beste Produkt von allen wirbt, aber leider nicht in der Lage ist, sich klar auszudrücken oder den Eindruck zu machen, sich etwas Mühe gegeben zu haben.

Das ist am Ende ein Problem des Images. Die Leute werden denken: Das kann nur eine kleine Klitsche sein.

Was sind die typischen Fehler, die man beim Publizieren machen kann?

Im Internet benötigt man Keywords, um gefunden werden zu können. Solche Keywords machen einen Text nicht kaputt, sind strategisch wichtig.

Schreibt jemand ein Buch, dann sollte man wissen: Sofort ist mit einer weltweiten Auflage nicht zu rechnen. Gute Druckereien kennen ihre Kunden und raten dazu, erst einmal 100 oder 200 Exemplare drucken zu lassen.

Was Pressemitteilungen und Berichte angeht, ist es von Vorteil, journalistisch denken zu können. Alles ist in Bewegung, aber man sollte keine Pressemitteilung schreiben, die detailverliebt nicht mehr aufhört. Hat man keinen „Aufhänger“ für eine Pressemitteilung, dann lässt der sich immer finden.

Der Leser soll von Anfang an wissen, warum ihn eine Pressemitteilung interessieren könnte. Solche Arbeiten sind wirkungsvoll und nicht teuer. Die Kunst liegt hier in der Vereinfachung, von der viele Unternehmen glauben, dass sie deshalb unseriös wirken könnte.

Mir ist es lieber, dass ein Leser versteht, worum es geht. Nachfragen wird der Leser später. Dann sind die Fachleute am Zug. Vergessen Sie übrigens nie eine gute Überschrift.

Was ist der dümmste Fehler, an den Sie sich erinnern können?

Das ist keine Kategorie. Zuweilen schweifen Autoren bei nichtigen Punkten aus. Auch Allgemeingut muss nicht unbedingt erklärt werden. Ein Stichwort hat mehr Kraft als die Beschreibung von Abläufen an der Kasse eines Discounters. In einem Zusammenhang kann das wichtig sein, wenn die Kassiererin über ihre Belastung oder die Monotonie nachdenkt.

Ein anderes Beispiel: Selbst brauche ich keine 30 Seiten Text, um erfahren zu können, dass die Sonne aufgeht. Der Lektor wird dem Autor oft vorschlagen, etwas weniger Sonne einzusetzen, denn zu viel Licht, diese lähmende Detail-Verliebtheit, schadet jedem Text.

Für welche Art von Schriftstücken lohnt es sich, einen Lektor hinzuzuziehen?

Sicher lohnt es sich nicht, wenn man für den Familienkreis schreibt und es dabei belässt. Alles, was die Öffentlichkeit erreicht, sollte Qualität haben.

Ich selbst erinnere mich an Flugblätter während meines Studiums, die in der Mensa verteilt wurden. Mit winzigen Schrifttypen brachten die Studierenden möglichst viel Text unter. Das war abschreckend.

Die ersten Sätze haben mich trotz eines wichtigen Thema nicht gewinnen können. Dann dachte ich daran, dass dieser Text beim Lesen Arbeit machen würde, für die ich zwischen Vorlesung und Tablettrückgabe keine Zeit hatte.

Die Flugblätter blieben auf den Tischen liegen. Am nächsten Tag waren neue da. Was vergessen wird: Wer einen Lektor engagiert, der nimmt die Dienstleistung quasi eines Fach-Arbeiters in Anspruch. Die Preisgestaltung ergibt sich aus dem Gespräch.

Was ist der Unterschied zwischen lektorieren und korrigieren?

Wenn ich nur an die Rechtschreibung denke, dann sprechen wir von Korrektorat. Hier und da gibt es kleine Veränderungen im Text. Beim Lektorieren geht es erst am Ende um die Rechtschreibung. Das ist ein komplexer Vorgang.

Grundsätzliche Fragen erörtere ich freilich mit den Autoren oder den Unternehmen. Selbstverständliches ändere ich eigenständig. Das kostet weniger Zeit. Es soll nicht zu Brüchen kommen, also bewahre ich den Sprachfluss. Viele Texte müssen gestrafft werden.

Da bitte ich die Autoren erst anschließend um deren Zustimmung. Es passiert nie, dass ein Verfasser die Leistung eines Lektors in Anspruch nimmt, um Vorschläge gänzlich zu ignorieren. Ich habe gelernt, dass viele Unternehmen und Privatleute die eigenständige Arbeit des Lektors als Entlastung verstehen.

Wem würden Sie am liebsten auf die Sprünge helfen?

Das ist gar nicht nötig. Den Leuten fehlt es oft an Übung. Im Verlauf der Zusammenarbeit treffen gelegentlich neue Kapitel ein, die plötzlich eine neue Qualität haben, weil der Lektor und Autor über wichtige Fragen diskutiert haben, damit der Text besser wird.

Vor einiger Zeit habe ich mit einer unerfahrenen Autorin eine kleine Übung gemacht: Sie solle, wenn sie etwas Zeit habe, auf 10 Zeilen beschreiben, was sie sieht und hört, wenn sie den Fensterplatz in einem Flugzeug eingenommen hat. Danach waren alle Kapitel wesentlich konzentrierter geschrieben.

Wer sind Ihre Kunden?

Das sind einerseits kleinere und mittlere Betriebe, die Pressemeldungen und Texte für ihre Webseiten benötigen. Für mich als Autor ist das oft eine schöne Arbeit, weil ich erst verstehen muss, wie denn diese Maschine funktioniert, bei welchen Temperaturen zum Beispiel geschweißt werden kann.

Die zweite Gruppe setzt sich bei mir vor allem aus älteren Menschen zusammen, die sich einem Thema verschieben haben, das ihr Lebensthema ist. Die Formen sind unterschiedlich. Das kann zu einem Kinderbuch werden, einer politischen Betrachtung oder einer Satire. Diese Zusammenarbeit mag ich besonders gern, weil so ich persönlich einen Zugang zu dieser Altersgruppe bekomme.“